Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 01, Kapitel 230


Freude der Jünger über das Verhalten des Borus. Kisjonah beschenkt Maria und die Brüder Jesu mit einer neuen Heimstätte in Ris. Rede des ältesten Joseph-Sohnes Joses. Sein Bericht von Josephs Tod und Zeugnis über Jesus.

01] Nach solcher Erzählung, bei der alle Jünger den ihnen wohlbekannten Arzt Borus hätten umarmen und küssen mögen, aber begaben wir uns wieder nach Kis und trafen daselbst gerade bei untergehender Sonne ein.
02] Baram aber war auch schon mit dem Abendmahle in vollster Bereitschaft, und wir ließen es uns nach getaner wichtiger Arbeit recht wohl schmecken. Das Mahl brachte auch den Judas in eine etwas bessere Stimmung, und er lobte den Mut des Borus, den er auch recht wohl kannte.
03] Nach dem Mahle ward noch lange davon gesprochen; selbst die Mutter Maria konnte den Borus nicht genug segnen, daß er sich auch ihrer beim Obersten annahm, der eigentlich ihr den kleinen Haushalt wegnehmen ließ.
04] Ein ältester Sohn Josephs sagte: »Am Ende wird uns unsere treu erworbene Besitzung dennoch wieder zurückgestellt?!«
05] Sagt Kisjonah: »Freund, wünsche es nicht! Sieh, hier habt ihr alle ein besseres Sein und seid dabei vor allen Verfolgungen sicher, und ich gebe euch vollkommen zu eigen die Herberge dort an dem obern Ende der großen Bucht und bei hundert Acker (Joch) Gründe dazu, und bei solchem Tausche mögt ihr die kleine Besitzung wohl verschmerzen, und von hier habt ihr auch mehr denn eine halbe Tagereise näher nach Jerusalem denn von Nazareth aus.« Und Joses ist damit völlig einverstanden; doch fragt er auch Mich um Meinen Rat.
06] Und Ich sage: »Was besser ist, das ist allzeit besser; darum nimm es, aber halte es nie dir als zu eigen, sondern nur als eine von Gott für diese kurze Zeit geliehene Sache!«
07] Sagt darauf Joses: »Herr und Bruder! Solches hat uns schon der Vater Joseph gelehrt, und so haben wir denn auch die kleine Besitzung in Nazareth nie als irgendein Eigentum, sondern rein nur als eine für diese kurze irdische Lebenszeit von Gott dargeliehene Sache angesehen, für die wir Ihm auch täglich mit Dir Selbst gedankt haben und haben Ihn auch daneben allzeit gebeten, daß Er uns solches Kleinod zu unserer irdischen notdürftigen Erhaltung bewahren möchte. Er hat es auch bewahrt, solange es Sein heiliger Wille war; nun aber sage ich mit Hiob: Der Herr hat es uns gegeben, und da es Ihm wohlgefiel, hat Er es uns wieder genommen. Sein allein heiliger Wille geschehe, und Ihm allein sei alle Ehre, alles Lob und aller Preis! Was Gott nimmt, das kann Er reichlich wiedergeben. Nun, darüber sind wir als Deine irdischen Brüder und Schwestern ganz in der Ordnung; aber man hat uns auch all unser Werkzeug und alles Hausgerät genommen. Da glauben wir denn doch, daß uns solches zurückgestellt oder wenigstens ein anderes brauchbares dafür verschafft werden solle!«
08] Sage Ich: »Sei darob ruhig; in drei Tagen ziehen wir nach Nazareth, und es wird uns alles zurückgestellt werden müssen! Haben wir ja doch einen Engel mächtigsten Ranges bei uns! Einen Wink, und es ist alles in der Ordnung; und sollte uns einer nicht genügen, da stehen jeden Augenblick Legionen zu unseren Diensten bereit!
09] Ich sage es: Was Ich dem Vater vortrage in Meinem Herzen, das tut Er; und was da will der Sohn, das will auch der Vater in Ewigkeit gleichfort, und es ist da nie ein Unterschied zwischen dem Willen des Vaters und dem Willen des Sohnes! Denn glaubet es Mir: Vater und Sohn sind nicht zwei, sondern in allem vollkommen eins! Darum seid nun ruhig und glaubet, daß es also ist!«
10] Sagt Joses: »Herr und Bruder, wir glauben ja alle, und wie sollen wir es nicht glauben, da wir von Deiner Geburt an ja immer um Dich waren und haben Zeichen in einer Unzahl gesehen, die uns nur zu laut verkündet haben, wer Du seiest. Der Bruder Jakob hat ja ein ganzes großes Buch voll geschrieben von Deiner Geburt an bis zu Deinem zwanzigsten Lebensjahre, von welcher Zeit an bis zu Deinem jetzigen Lebensalter Du kein Zeichen mehr gegeben hast und hast mit uns wie ein ganz gewöhnlicher Mensch gearbeitet und gelebt, so daß wir schon beinahe vergessen hätten, wer Du seist, wenn der vor ein paar Jahren erfolgte Leibestod unseres geliebten Vaters Joseph uns nicht einen gewaltigen Stoß gegeben hätte.
11] Als nämlich Joseph in Deinen Armen verschied, da waren seine letzten Worte von einem seligst verklärten Lächeln begleitet, und diese letzten Worte lauteten:
12] 'O mein Gott und mein Herr! Wie doch bist Du mir gar so gnädig und barmherzig! Oh, ich sehe nun, daß es keinen Tod gibt; ich werde ewig leben! Ach, wie herrlich, Gott, sind Deine Himmel! Kinder, sehet Den, der nun mein sterbend Haupt mit Seinem Arme unterstützt! Es ist Der mein Gott, mein Schöpfer! O wie selig ist es, in den allmächtigen Armen seines Schöpfers zu sterben für diese armselige Welt!'
13] Nach diesen Worten verschied er, und wir haben alle laut geweint; nur Du allein hast nicht geweint. Wir aber begriffen es, warum Du nicht geweint hast!
14] Und siehe, von diesem Augenblick an konnten wir nimmer vergessen, wer Du bist; denn das hatte Joseph in der letzten Stunde seines diesirdischen Lebens nur zu klar ausgesprochen! Wie sollen wir nun nicht glauben alles, was Du sagst, da wir wohl wissen, wer Du im Grunde des Grundes bist?!«
15] Sage Ich: »Ganz gut, Meine lieben Brüder! Daß ihr hier also geredet habt, ist völlig recht; denn wir sind hier als schon völlig eingeweiht beisammen, und solch eine Wissenschaft kann niemandem mehr zum Gerichte gereichen, außer einem, so er daran geheimen Anstoß nimmt! (Es war damit Judas gemeint.)
16] Aber so wir unter fremden Weltkindern uns befinden, da müsset ihr sorgsamst davon schweigen! Nun aber begeben wir uns zur Ruhe, auf daß wir morgen früh bei irgendeiner Arbeit sein können!« Darauf begibt sich alles ganz selig zur Ruhe.


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