Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 01, Kapitel 224


Übung in der Selbstbeschauung (Selbstprüfung). Jesus über das Wesen und die Wichtigkeit der Selbstprüfung als Schutz gegen Satans Tricks.

01] Wir erheben uns denn sogleich von unseren Rastbänken und gehen hinaus in den Garten, allwo schon ein reichliches Morgenmahl unser harret, das noch gleichfort der Baram für uns bereitet hatte.
02] Kisjonah sagt zwar zum Baram: »Aber Bruder, was tust du denn?! Meinst du etwa, daß meine Speicher, Speisekammern und Weinkeller leer stehen?!«
03] Sagt Baram: »Bruder, ich weiß nur zu gut, daß tägliche tausend Gäste deine Vorräte in tausend Jahren nicht aufzehren würden; aber ich gehöre gottlob doch auch nicht zu den Armen dieses Landes, und so laß mir heute noch die Freude, alle diese Gäste durch mich zu bewirten! Denn mir macht das eine große Freude, mit meiner Wenigkeit dem Herrn dienen zu können! Morgen soll es wieder auf deinen Kochherden so lebhaft als nur immer möglich hergehen!«
04] Kisjonah und Baram umarmen und küssen sich und setzen sich darauf ebenfalls zu Tische und verzehren einen köstlichen Fisch mit Brot und Wein.
05] Nach dem Mahle aber fragt Kisjonah, womit man sich den Tag hindurch beschäftigen werde, oder ob Ich etwa wieder irgendeinen Ausflug vorhätte, auf daß er Anstalten zu einer bequemen Reise machen könnte.
06] Sage Ich: »Mein Freund und Bruder! Sorge nur daß dich um nichts! Was die Zeit bringen wird, das soll ergriffen werden! Aber es wird die heutige und morgige nichts oder wenig bringen außer uns selbst, und daher werden wir auch keiner besonderen Vorbereitungen bedürfen. Morgen gen Abend wird Philopold aus Kana kommen; der wird auch manches zu erzählen wissen.
07] Jetzt aber wollen wir bis gen Mittag hin einige Übungen in der Sichselbstbeschauung unter dem kühlenden Schatten der Bäume halten!
08] Denn wahrlich sage Ich euch: Nichts ist dem ganzen Menschen heilsamer als eine zeitweilige innere Sichselbstbeschauung! Wer sich und seine Kräfte erforschen will, der muß sich zu öfteren Malen selbst erforschen und innerlich beschauen.
09] Weil aber solches eben so notwendig ist, darum wollen wir denn für heute vormittag auch eine solche Übung vornehmen, und nach dem Mittagsmahle aber werden wir ein bißchen aufs Meer uns begeben und sehen, was allenfalls da zu machen sein wird.«
10] Es wissen aber einige nicht, wie sie es mit der inneren Selbstbeschauung anfangen sollen, und fragen Mich darum. Ich aber sage: »Ruhet und denket im stillen lebendig nach über euer Tun und Lassen, über den euch wohlbekannten Willen Gottes, und ob ihr demselben nachgekommen seid zu den verschiedenen Zeiten eures Lebens, so habt ihr euch innerlich selbst beschaut und dadurch stets mehr und mehr dem Eindringen des Satans in euch den Weg erschwert. Denn dieser sucht nichts emsiger, als durch allerlei äußere, nichtssagende Gaukeleien den Menschen an seiner inneren Sichselbstbeschauung zu verhindern.
11] Denn hat der Mensch einmal durch Übung irgendeine Fertigkeit in der Beschauung seines Innern erreicht, so findet er in sich auch nur zu leicht und zu bald, welche Fallen ihm der Satan gelegt hat, und kann dann diese weidlichst zerstören und zunichte machen und aller künftigen Arglist desselben Feindes auf das energischste vorbauen. Das weiß der Satan nur zu gut und ist daher alleremsigst beschäftigt, durch allerlei die Seele nach außen ziehende Gaukeleien eben die Seele selbst zu beschäftigen, und er hat dann hinter der Wand ein ganz leichtes, unvermerkt der Seele allerlei Fallen aufzurichten, in die sie sich am Ende derart verstricken muß, daß sie dann fürder zu einer Sichselbstanschauung gar nicht mehr gelangen kann, was sehr schlimm ist.
12] Denn dadurch wird die Seele dann stets mehr von ihrem Geiste getrennt und kann denselben nicht mehr erwecken, und das ist dann schon der Beginn des zweiten Todes im Menschen.
13] Nun wisset ihr, worin die innere Sichselbstanschauung besteht. Machet darum von nun an bis gen Mittag eine solche Übung im stillen und lasset euch bis dahin durch keine äußere Erscheinung stören! Denn der Satan wird sicher nicht unterlassen, euch durch irgend ein oder das andere äußere Spektakel davon abzuziehen. Aber dann erinnert euch, daß Ich euch solches vorausgesagt habe, und kehret ja wieder schnell in euch selbst zurück!«
14] Darauf begibt sich alles in die volle Ruhe, und jeder fängt an, recht kräftig sich selbst zu beschauen, und das Geschäft geht eine volle Stunde ganz ungestört fort.


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