Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 01, Kapitel 223


Warum sich Jesus den Pharisäern aus Bethlehem nicht ganz offenbarte. Deren Mutmaßungen und Ansichten.

01] Darauf aber treten die Jünger zu Mir hin und fragen Mich, warum Ich mit den Bethlehemitern gar so verhüllt geredet hätte.
02] Sage Ich: »Seid ihr denn noch gleichfort also unverständig, als hättet ihr noch nie ein weises Wort von Mir vernommen?! Diese halten Mich für nichts als einen mit außerordentlichen geheimen Fähigkeiten begabten Arzt, der mit Hilfe geheimer Kräfte in der Natur solch wunderbare Kuren macht.
03] Es ist denen nicht unbekannt die Sekte der Essäer, die einige ganz beachtenswerte Kenntnisse in der geheimen Apothekerkunst besitzen, mittels der sie so manche Übel zu heilen imstande sind und auch so manche Erscheinungen bewerkstelligen können, die für einen Laien als offenbare Wunder erscheinen müssen. So ihr nun das voraussetzet, kann da am Ende was anderes zum Vorschein kommen, als daß diese Bethlehemiter Mich für durchaus nichts anderes ansehen als für einen Essäer vierten, also höchsten Grades, dessen Wissenschaft so hoch gehe, daß er die verschiedenartigsten Kräfte der Natur am Leitseile hat und sie lenken kann nach seiner Willkür?!
04] Wenn Ich ihnen aber so geradeaus enthüllt hätte, daß Ich als Sohn des Allerhöchsten der verheißene Messias sei, wie hätten diese erzfesten Juden sich über alle Maßen zu ärgern angefangen und hätten Mich für einen sich das Höchste anmaßenden Magier, der mit dem Satan im Bunde stehe, gehalten und als solchen auch über alle Maßen verlästert, und die Heilung ihrer hierher gebrachten Kranken wäre ihnen ein Stein des ärgsten Anstoßes geworden! Nun aber, da sie Mich bloß für einen Erzessäer halten, gehen sie ganz gemütlich nach Hause und loben und preisen Gott, der dem Menschen solche geheimen Kenntnisse und Kräfte verleiht, durch die er den leidenden Menschen die sicherste, wennschon wunderbarste Hilfe leisten kann!
05] Auf daß sie aber daheim bei ruhigerem und reiferem Nachdenken dennoch mit leichter Mühe dahinterkommen können, daß Ich etwa doch kein Essäer sei, weil Meine ihnen kundgegebenen Grundsätze über das sittliche und gesellschaftliche Lebensverhältnis der Menschen jenen der Essäer schnurgerade entgegenstehen, so habe Ich ihnen gerade soviel Belehrung erteilt, als es für den ausgesprochenen Zweck notwendig war. Sie werden daheim schön und sauber Meine Belehrung mit der Lehre der Essäer, die sie wohl besitzen, vergleichen und werden nach den aufgefundenen grellsten Kontrasten erst so recht zu stutzen anfangen, wie die fünf vor euren Augen schon zu stutzen angefangen haben, als sie Meine Worte vernahmen, weil Meine an sie gerichtete Lehre, wie gesagt, jener der Essäer überhaupt und mehr als schnurgerade entgegen ist.
06] Sie hätten sich mit Mir gern in eine weitere Befragung eingelassen; aber Ich habe sie ganz kurz abgefertigt, und sie gingen und getrauten sich keine weitere Frage mehr zu stellen; denn sie sahen, daß Ich der Tat nach wohl ganz gut Essäer höchsten Ranges sein könnte, aber nach Meinen an sie gerichteten Worten wieder nicht. Aber sie denken nun auch, als am Wege über nichts denn allein über diese Erscheinung nur nachdenkend: 'Sollen denn etwa die Essäer zwei Lehren haben, eine äußere bloß fürs blinde Weltvolk, und eine innere für sich allein?' Aber Ich sei mit ihnen also aufrichtig gewesen und hätte ihnen als ein in der Schrift Wohlbewanderter einige Sätze der innern Lehre so hingeworfen und hätte alles weitere Suchen ihnen selbst anheimgestellt!
07] Einer von den fünfen aber meint, es müsse hinter Mir ganz was anderes als ein Essäer höchsten Ranges stecken. Er sagt nun zu den andern vieren: 'Ich meinesteils kann ihn geradewegs für keinen Essäer halten; denn ich habe doch erst unlängst mit einem Essäer über alle ihre Lehren und Gebräuche geredet, und dieser war von großer Aufrichtigkeit; aber er wußte nichts von einer zweiten, geheimen Lehre. Ich halte den sonderbaren Heiland von Nazareth daher für eine ganz eigene und meines Wissens noch nie dagewesene Erscheinung. Er ist entweder ein Gott - oder ein Teufel, was ich aber dennoch sehr bezweifeln möchte, da seine Lehre das sozialste Prinzip ist, das mir je vorgekommen ist; ein Teufel aber ist ein höchster Tyrann und daher ein abgesagtester Feind aller Sozialistik!'
08] Seht, solche Gespräche führen die fünfe schon jetzt auf der Reise und sind so vertieft darinnen, daß sie kaum merken, ob ihre Füße sich bewegen und sie weitertragen.
09] Meine Lieben, so man lehrt, muß man sehr behutsam zu Werke gehen; man muß nicht sogleich mit der ganzen Tür ins Haus fallen und wie bei einer Mahlzeit nicht alle Speisen auf einmal auftragen, sondern man tritt leise ins Haus und pocht fein an eine Tür, die in ein oder das andere Gemach führt; und so man eine Mahlzeit gibt, da trägt man erst dann eine zweite Speise auf den Tisch, wenn die Gäste die erste bereits verzehrt haben; sonst wird man als Besucher eines Hauses als unartig und keck verschrieen und wird im besuchten Hause als ein frecher Eindringling wenig oder nichts ausrichten, und der Gastgeber wird seinen Gästen alle Eßlust benehmen, so er ihnen auf einmal einen ganzen Haufen von allerlei Speisen auf den Tisch setzen würde; aber so in rechter guter Ordnung werden die Gäste bei frischer Eßlust erhalten, und diese werden am Ende den Gastgeber loben, daß er sie also vortrefflich bewirtet hat!
10] Und sehet, eben also muß man im Lehren zu Werke gehen, wenn man damit irgend etwas ausrichten will. - Verstehet ihr nun dieses?«
11] Sagen die Jünger: »Ja Herr, wir verstehen nun alles genau, was Du nun wie allzeit überweise zu uns geredet hast!«
12] Sage Ich: »Nun gut, so gehen denn auch wir zum Morgenmahle!«


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