Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 01, Kapitel 210


Ausbeutung der jüdischen bäuerlichen Bevölkerung von Kana im Tale durch griechische Händler. Kisjonahs Schuldenerlaß im Namen Jesu. Verhaltensrichtlinien für die dortigen Griechen.

01] Am nächsten Tag machten wir einen sogenannten Ausflug in ein Tal, das sich gerade zwischen den beiden Alpenzügen in der Richtung gegen Samaria hinzog, und durch welches Tal zugleich eine Hauptstraße nach Damaskus führte und von da weiter in alle kleinen und großen Orte von Mittelasien, aus welchem Grunde auch die Maut des Kisjonah im Orte Kis eine der einträglichsten von ganz Galiläa war.
02] In diesem Tale gab es natürlich eine Menge kleiner Ortschaften, die von Juden und Griechen zumeist des Handels wegen sehr zahlreich bewohnt waren. Zunächst von Kis bei zwei Stunden Weges taleinwärts lag ein Flecken, der auch den Namen Kana führte, daher man zum Unterschiede beim Kana in der Nähe von Nazareth den Beisatz »in Galiläa« machte, so man das Kana bei Nazareth bezeichnete; sagte man aber bloß »Kana«, so verstand man das obbesagte zweite Kana im Tale, das sich schon auf dem Gebiete von Samaria befand, darum auch in Kis, als dem Grenzorte zwischen Galiläa und Samaria, die große Grenzmaut bestand.
03] Dieses Kana war zumeist von Griechen bewohnt, so daß auf eine Judenfamilie sicher fünf griechische kamen; die Juden ernährten sich zumeist vom Ackerbau und von der Viehzucht, während die Griechen sich bloß mit dem Handel abgaben.
04] Wir machten sonach diesem Kana einen Besuch, und namentlich den daselbst hausenden Juden, die zum Teil von den pfiffigen und listigen Griechen nicht selten schreiend übervorteilt wurden und als die Besitzer des Grundes und Bodens nahe ganz allein alle Steuern und andere Lasten tragen mußten und deshalb auch nicht selten aus Gram und Traurigkeit in allerlei Krankheit und Siechtum gerieten.
05] Als wir nach Kana kamen, und die Juden wie die Griechen des Kisjonah, den sie alle wohl kannten, ansichtig wurden, so eilten sie zu ihm hin, begrüßten ihn und baten ihn um Nachsicht; denn sowohl Juden als Griechen waren ihm bedeutende Summen Geldes schuldig.
06] Kisjonah aber sagte: »So ich von euch etwas fordern wollte, da hätte ich nicht nötig, selbst diesen Weg zu machen, sondern ich hätte meine Diener zu euch gesandt; ich aber kam, um euch einen großen Trost zu bringen in dem, daß ich euch allen hiermit hier offen kundtue: Eure Schuld an mich ist bezahlt zur Übergenüge; denn mein und euer aller Herr hat sie bezahlt und mich völlig zufriedengestellt, und ihr mögt deshalb nun fröhlich sein ohne alle weitere Sorge.«
07] Als die Bewohner Kanas solches vernehmen, so fangen sie in übergroßer Freude an, in den Kisjonah zu dringen, daß er ihnen doch sagen möchte, wer und wo solch ein Herr sei, der ihnen eine solche große Wohltat und Gnade erwiesen habe, auf daß sie dann hingingen und ihm Dank und Ehre gäben!
08] Kisjonah sagt, indem er seine Hand auf Meine Schulter legt: »Dieser ist es, vor Dem beugt eure Knie!«
09] Als die Bewohner Kanas solches vernehmen, da fallen sie alle vor Mir nieder auf ihre Knie und Angesichter und rufen: »Heil dir, du uns noch völlig unbekannter Wohltäter! Was für Gutes und Freundliches wohl haben wir dir je getan, daß du dich unseres großen Elendes erbarmen mochtest?! Und da du uns als ein völlig unbekannter Herr und Wohltäter eine noch nie erhört große Gnade erwiesen hast, so wolle doch nun uns allen kundgeben, was wir dir für solch eine Gnade tun sollen, um uns dir gegenüber als deiner Güte nur ein wenig würdiger zu zeigen, als wir so als dir vollkommene Fremdlinge von Natur aus sind und sein könnten!«
10] Sage Ich: »Seid von nun an gerecht in allen Dingen; liebet Gott über alles und eure Nebenmenschen, die alle eure Nächsten sind, ob Freunde oder Feinde, wie euch selbst; tut denen Gutes, die euch Böses zufügen; segnet, die euch fluchen, und betet für die, so euch verfolgen, so werdet ihr zu Kindern des Allerhöchsten aufgenommen, und darin wird auch der einzig wahre Dank an Mich für alles, was Ich euch getan habe, bestehen. Das ist alles, was Ich von euch verlange!«
11] Sagen die Griechen: »Herr und Freund! Wir haben der Götter viele! Welchen Gott aus den vielen sollen wir wohl über alles lieben? Den Zeus, den Apoll, den Merkur oder irgendeinen andern der zwölf Hauptgötter? Oder sollen wir den Gott der Juden also lieben? Der Gott der Juden aber scheint dennoch nichts anderes zu sein als unser Kronos; wie können wir diesen fabelhaften Gott lieben über alles?!«
12] Sage Ich: »Die Götter, die ihr Griechen verehrt, sind nichts als ein eitles Machwerk, aus der Materie von Menschenhänden angefertigt; und ihr mögt sie Tausende von Jahren bitten, anbeten, verehren und lieben mehr denn euer Leben, so werden sie euch dennoch nie erhören und euch was Gutes tun können aus dem ganz einfachen Grunde, weil sie in der lebendigen Wirklichkeit nichts und nirgends sind und bestehen.
13] Der Gott der Juden, den aber die meisten nun auch nicht mehr in der Fülle der Wahrheit erkennen mögen und wollen und Ihn anstatt im Geiste und in der Wahrheit des Herzens, was im Grunde des Grundes eigentlichst die wahre Liebe ist, nur mit der allerunflätigsten und leersten toten Zeremonie anbeten und verehren, ist aber dennoch der allein wahre, ewige Gott, der einst den Himmel und diese Erde mit allem, was auf ihr, in ihr und unter ihr ist, lebet und webet, erschaffen hat aus Sich heraus!
14] Ich aber bin Dessen Gesandter von Ewigkeit und kam nun zu euch, zu verkünden euch und euren Kindern dieses Evangelium!
15] Diesen Gott sollt ihr alsonach lieben über alles und halten Seine Gebote, die in aller Kürze darin bestehen, daß ihr, wie Ich früher zu euch gesagt habe, Ihn lieben sollt über alles und eure Nächsten wie euch selbst!
16] Zudem aber sollt ihr auch glauben, daß eben dieser Gott, der Mein Vater, also Meine Liebe ist von Ewigkeit, Mich in diese Welt gesandt hat (Johannes.17,23), damit ein jeder, der an Mich glaubt, in sich habe das ewige Leben (Johannes.03,16) und also werde ein Kind des Allerhöchsten!
17] Auf daß ihr alle aber leichter glauben mögt, so bringt alle eure Kranken, und Ich werde sie alle gesund machen, welche Krankheit sie auch immer haben mögen! Darum gehet und bringet sie alle hierher!«
18] Auf diese Meine Rede erstaunten sie und riefen wie mit einer Stimme: »Diesem Orte ist ein großes Heil widerfahren! Wie mächtig und wunderbar doch klingen die heilig-wahren Worte dieses unseres größten Wohltäters! Wahrlich, in solcher Freundlichkeit und Güte wohnt keine Tücke, kein Falsch und keine Hinterlist; darum wollen wir auch alles ohne alles Bedenken tun, was immer er von uns verlangen wolle! Denn der uns ein Freund ward, ehe er uns gesehen hatte, der wird es uns nun um so mehr sein, nachdem er uns gesprochen und gesehen hat in unserer großen Not! Gelobt sei der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, daß Er sich unser erinnert und erbarmt hat!«
19] Auf diese guten Worte begeben sich alle schnell in ihre Häuser und bringen in aller Eile bei zweihundert Kranke zu Mir hin.


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