Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 01, Kapitel 189


Barams Erinnerungen an seinen Lehrmeister Joseph, den Pflegevater Jesu. Jesus enthüllt sich ihm als dessen Pflegesohn. Barams Glückseligkeit. Frohes Wiedersehen Marias und der Brüder mit Jesus. Ahabs Erzählung vom Undank des Jairus.

01] Als diese über die Grenze sind, kommt Baram zurück, etwas erschöpft, und sagt: »Herr, vergib es mir! Ich habe es wahrlich nicht gerne getan, was ich nun getan habe; aber es war mit dieser bösen, ehebrecherischen Art wahrlich nicht mehr auszuhalten! Man kann sich wahrlich den Satan nicht ärger vorstellen, als wie da sind diese Kerle, die schon im Ernste so meinen, daß die ganze Erde vollkommen ihr Eigentum ist! Mich hätte aber alles noch nicht so sehr aufgebracht; als aber die Kerle Dich, o Herr und Meister, förmlich anzufallen begonnen haben, da konnte ich meinen gerechten Grimm nicht mehr unterdrücken und mußte von meinem Hausrechte Gebrauch machen! Mache Dir aber ja nichts daraus; denn sollten die Kerle eine Klage erheben, so werde schon ich sie verfechten und werde Dich ganz weise und klug zu entschuldigen verstehen!«
02] Sagt Ahab: »Freund, vorsehen kannst du dich in jedem Fall; denn diese alten Wichte werden nun nichts emsiger zu tun haben, als den ganzen Vorfall mit den schlechtesten Farben von der Welt nach Jerusalem doppelt zu berichten! Fürs erste das für sie höchst ungünstige Wirken dieses göttlichen Meisters, den totalen Abfall ganz Jesaijas vom Judentum, mein Benehmen und endlich an den Herodes, wie er hier alle seine Untertanen verlor, da diese sich als Roms Bürger eingekauft haben! Das wird in Jerusalem alle bösen Geister auf einmal wecken, und darauf möchte es hier wohl manche böse Geschichten absetzen! Daher sieh dich nur vor und versichere dich zuvor des kaiserlichen Beistandes, sonst werden dir diese bösen Geister arge Geschichten machen.«
03] Sage Ich: »Ahab, lasse das gut sein; daß dem Hause Baram nichts geschehen wird, dafür stehe Ich dir; - daß aber die alten Unmenschen das tun werden, was du gesagt hast, ist Wahrheit, aber weder Baram noch du haben davon etwas zu befürchten. Nun aber gehen wir zum Mahle, allda Ich auch die Maria und die Söhne Josephs hören will!«
04] Sagt Baram, erstaunt über den Namen Josephs: »Was, meines Meisters in Nazareth, dem ich gar so viel zu verdanken habe?! Er war damals noch ein junger Mann und war schon Meister seiner Kunst, als ich bei ihm in der Lehre stand. Wie geduldig und liebevoll er mir alle die Vorteile seiner Kunst zeigte, und wie er mir dann bald die besten Arbeiten zubrachte und mich ohne Entgelt mit Rat und Tat unterstützte, das wahrlich werde ich ihm ewig nie vergessen!«
05] Sage Ich: »Nun, die Maria ist sein zweites Weib, die ihm vom Tempel zum Weibe ward; aber die beiden Männer, die mit ihr sind, sind des Josephs Söhne vom ersten Weibe und führen nun seine Kunst fort. Ich aber bin dem Leibe nach Marias Sohn, und Mein Name ist Jesus!«
06] Sagt Baram: »O wie glücklich hin ich nun, daß meinem Hause solch eine Ehre und Gnade widerfährt! Gehen wir nun aber nur schnell zu Tische, daß die herrliche Mutter mit den beiden Söhnen Josephs nicht gar zu lange auf uns warten dürfe!« Wir begeben uns nun schnell in das Speisezimmer, in dem uns auch Maria mit den beiden Söhnen Josephs erwartet.
07] Als Mich Maria ersieht, fängt sie vor Freude zu weinen an; denn sie hatte Mich nun schon bei zwei Monden lang nicht mehr gesehen, desgleichen auch die beiden Brüder, die Mich überaus liebten. Als wir uns also gegenseitig überaus herzlich begrüßt haben, begeben wir uns alle zu Tische, verrichten das Dankgebet und verzehren dann das gute und reichliche Mahl, an dem Kisjonah, der Mich samt Weib und Töchtern bis jetzt nicht verließ, recht fröhlichen Anteil nahm und sich viel mit Maria und den zwei Brüdern besprach.
08] Nach dem Mahle, als wir am Tische saßen und Wein mit etwas Wasser der starken Hitze wegen tranken, bat Ahab, ob er reden dürfe; denn er hätte uns nun eine wichtige Entdeckung zu machen, und zwar besonders zu Meiner persönlichen Sicherung, weil er nun erst im Verlaufe des Gesprächs in die Erfahrung gebracht hätte, daß Ich der beim Volke berühmte und bei den Pharisäern sehr berüchtigte Jesus von Nazareth sei, von dem im ganzen Lande ein unerhört großer Ruf gehe. Ich sagte zu ihm: »Rede, was dir bekannt ist!«
09] Spricht Ahab: »Herr und Meister! Du hast unseres Obersten Jairus Tochter vom Tode erweckt - das weiß wohl die ganze Gegend -, desgleichen auch die Tochter eines Obersten der Soldaten Roms. Wer sollte daran nur im geringsten zweifeln, daß sogar ein allerscheußlichst grausamer Tyrann für solch eine Wundertat ewig dankbar sein würde und dem Wundertäter zu seiner Rechten am Tische Platz gäbe, so wie es einst Pharao dem Joseph tat ob der ihm gemachten Weissagung!
10] Was aber tut diese Tempelbrut, diese echten Satansknechte?! Sie sandten einen Bericht, den leider auch ich habe unterschreiben müssen, obschon ich von Jesus bis jetzt selbst noch nie etwas weder von Seinen Lehren gehört noch von Seinen Taten gesehen habe. Laut solches scheußlichen Berichtes sind nun allerorten gedungene Spione und Meuchelmörder vom Tempel aus wie auch vom Herodes und dem römischen Landpfleger aus für Dich bestellt, um Dich aus der Welt zu schaffen!
11] Du bist in dem Bericht nach Jerusalem als ein Volksbetrüger, Verführer und Aufwiegler auf eine Art verschrieen, wie bis jetzt, was ich weiß, noch kein Mensch verschrien worden ist. Des Jairus Tochter wäre gar nicht tot gewesen, als man Dich berief, sie zu heilen oder zu erwecken vom Tode, sondern sie sei ganz gesund gewesen und habe sich, um Dich zu prüfen, verstellen müssen! Als Du kamst und zu ihr 'talitha kumi' sagtest, da erkannte der Oberste vollends, daß Du ein Betrüger seiest und von der wahren Heilkunde keinen Begriff habest; denn könntest Du als Heiland einen Menschen und dessen Übel beurteilen, so hättest Du ja auf den ersten Blick beurteilen sollen, daß das Mägdlein nicht nur nicht tot, sondern dazu noch ganz kerngesund war!
12] Der römische Oberste, ich glaube Kornelius mit Namen, dessen Knecht oder Tochter Du auch vom Tode erweckt habest, ist zwar dagegen; aber was kann er allein gegen die Masse falscher Zeugnisse!
13] Liebster, teuerster Freund, Meister und Herr! Ich könnte Dir noch vieles kundgeben; aber ich sehe, daß Dich meine vollwahre Erzählung betrübt gemacht hat. Da die Verleumdung über Dich zu teuflisch arg ist, so will ich über alles andere schweigen; es ist genug, daß ich Dir das Allerwichtigste kundgetan habe. Das beste an der ganzen Sache ist, daß der Satan dumm ist und vom wahrhaft Weisen und Klugen leicht überholt wird, was von Deiner Seite um so leichter der Fall sein dürfte, indem Du überaus weise bist! Laß es nun gut sein!
14] Ich bin Dir zwar ein sonst ganz einfacher Mensch; aber diese argen Wichte drehe ich Dir alle ganz bequem um jeden Finger! Und ich halte es durchaus für keine Sünde, den Satan so stark als nur immer möglich anrennen zu lassen. Denn so was zwingt ihn, sich vom bösen Kampfplatze wieder auf einige Zeit ganz bescheiden zurückzuziehen, und der weise und kluge Mensch gewinnt also wieder Zeit, seinem Geiste eine edlere Beschäftigung zu unterbreiten, statt in einem fort sich mit dem Satan zu balgen.«


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