Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 01, Kapitel 170


Engel erwärmen alten, halbblinden Nachkommen des Tobias. Tadel für spottlustige Weiber. Über schadenfrohes Lachen und wohlwollendes Lächeln. Folgen des Belachens von Schwächen und Lieblosigkeit.

01] Nach solchen Unterredungen begeben wir uns alle in das Innere der großen Wohnhütte, und viele, besonders die Weiber und Mägde, machen sich ganz nahe ans Feuer und wärmen sich. Einige Juden aber, denen auch die Flammenwärme ganz gut zustatten gekommen wäre, ärgerten sich heimlich über die Weiber, daß diese ihnen nahe gänzlich die Flammen vertraten. Und es kamen einige Jünger zu Mir, sagten Mir das, beschwerten sich bei Mir darüber und murrten. Ich aber verwies ihnen solche Unart mit sanfter Rede.
02] Bis auf einen waren alle beruhigt; aber einer, ein starrer Jude aus Kapernaum, murrte gleichfort und sagte: »Ei, was nützt da das Reden? Mich hat es schon draußen gefroren, daß ich es kaum mehr auszuhalten vermochte; jetzt, wo ich als ein alter Mann mich ein wenig erwärmen möchte, vertreten die Weiber mir das Feuer, und ich bin nahe ganz starr vor Kälte! Unten ist es ja inmitten des Winters nicht so kalt, als es gerade heute abend auf dieser Höhe geworden ist; und ich bin aber schon über siebzig Jahre und habe dazu noch von Natur aus ein kaltes Temperament! Ich will nicht unartig sein; sage Du daher den Weibern, daß sie mich zum Feuer lassen!«
03] Sage Ich zum Alten: »Weißt du denn nicht, daß Ich dich auch ohne Feuer erwärmen könnte, so du Glauben hättest?«
04] Sagt der Alte: »Ja, Herr, ich glaube! Denn ich habe von Dir viele Wunder gesehen, und so glaube ich denn auch alles, daß es geschieht, was Du sagst und willst.«
05] Sage Ich: »So stelle dich zu jenen drei Männern, die aus der Höhe zu uns gekommen sind vor ein paar Tagen, und es wird dir sogleich warm werden!«
06] Und der Alte tat das, und es ward ihm gleich so warm, daß er es am Ende vor lauter Wärme nicht mehr aushalten konnte und Mir dafür gar gewaltig zu danken anfing für solch eine Wohltat; aber da es ihm nun zu warm wäre, so möchte er nun sich etwas abkühlen; denn es sei ihm ein wenig zu warm.
07] Ich aber sagte: »Tue, was du willst; Ich habe dich an die drei Männer ja nicht gebunden! Gehe hinaus, dort wird dir gleich kühl genug werden!«
08] Und der Alte ging hinaus, stürzte aber bald mit einem großen Angstgeschrei in die Hütte und schrie: »Rette sich, wer sich retten kann! Der ganze Berg steht in Flammen, die sich dieser Hütte stets näher und näher ziehen! Um Jehovas willen, wir sind alle des Todes!«
09] Als der Alte also jammert, kommt Kisjonah, der sich draußen schon auf eine Weile in Geschäften von uns entfernt hatte, und sagte zu Mir: »Herr, Du wirst es mir schon vergeben, daß ich Dir nach der Sitte meiner Alpenhirten eine kleine Feierlichkeit bereitet habe, indem Du nach Deiner Bestimmung heute den letzten Abend auf dieser Höhe verweilst. Meine Hirten haben Reisigbündel, die sie im Walde gesammelt haben, angezündet: und nun haben sie diese angezündet Dir zur Ehre und singen dabei frohe Lieder und Psalmen. Möchtest Du denn nicht einen Blick hinaus tun?«
10] Sage Ich: »Oh, recht gerne; denn Ich habe dich überaus lieb!« Und Ich erhob Mich und ging hinaus, und alle Jünger folgten Mir.
11] Aber die Weiber belachten den alten Juden, daß er den ganzen Berg vorher in Flammen gesehen habe und darob einen solchen Lärm schlug, als ginge schon die ganze Welt zugrunde! Der Alte aber schämte sich ein wenig und ertrug nun ganz geduldig das Gelächter der Weiber.
12] Ich aber verwies solche Unart den lustigen Weibern und bedrohte sie. Da baten die Weiber, unter denen die fünf Töchter des Kisjonah nicht waren - denn sie waren mit der Bereitung eines Abendmahles in der großen Herrnhütte beschäftigt -, Mich und den Alten um Vergebung und sagten, daß sie es durchaus nicht schlecht gemeint hätten.
13] Der Alte vergab es ihnen auch sogleich von ganzem Herzen. Aber die drei Engel traten zu den Weibern und sagten: »Höret uns, ihr Weiber! Dieser Alte ist ein Abkömmling vom Tobias, der blind war, und den wir mit der Galle eines Fisches wieder sehend gemacht haben, und alle Abkömmlinge von diesem alten Tobias, der ein Totengräber war, haben im höheren Alter aus einem gewissen geheimen Grunde, den nur Gott und wir durch Ihn kennen, schwache Augen. Wir aber sagen euch, daß es eine grobe Sünde ist und ein leichtfertiges Herz zum Grunde hat, so jemand einen Blinden belacht, anstatt ihm die Hand zu reichen und ihn zu führen über Stege und holprige Wege. So ihr es nicht gewußt hättet, daß der Alte, der auch 'Tobias' heißt, blind mehr denn zur Hälfte ist, da hättet ihr nicht gesündigt; da ihr aber wohl gewußt habt, daß der Alte nur zur Hälfte sehend ist, und habt dennoch gelacht, so habt ihr gesündigt und verdient eine große Strafe; aber da er's euch auf eure Abbitte vergeben hat, so wollen auch wir euch vergeben.
14] Aber wehe euch, so ihr je wieder irgend einen Bresthaften belachen möchtet! Sein Übel soll dann das eure werden!
15] Überhaupt sollen die Menschen gar nicht oder nur höchst selten lachen; denn das Lachen rührt von der Erweckung schadenfroher Geister her, die im menschlichen Leibe stecken.
16] Ein freundliches Verziehen der Gesichtsmuskeln, aus dem man den Ausdruck eines besonderen Wohlwollens erkennen kann, ist himmlisch; alles andere Lachen aber entstammt zuallermeist der Hölle. Denn die Teufel lachen allzeit, wenn ihnen ein böser Streich gelingt; in den Himmeln aber lacht nie jemand, sondern man ist nur stets voll des herzlichsten und freundlichsten Wohlwollens gegen alle noch so armselige Kreatur und voll Mitleidens mit jedem leidenden Bruder, der noch auf der Erde seine Zeit durchzumachen hat. Merket euch für alle Zukunft dieses!
17] "Wenn die Menschen viel über die Schwächen ihrer Brüder werden zu lachen anfangen, dann wird der Glaube verschwinden gleich der Sonne nach dem Untergange, und es wird dann kalt werden die Liebe in der Menschen Herzen, wie nun diese Nacht kalt geworden ist, und da wird unter den Menschen eine Not sein, wie auf der Erde nie eine ähnliche bestanden hat!"
18] Merket euch diese Lehre aus den Himmeln! Strafet eure Kinder, so sie lachen; lieber höret sie weinen denn lachen! Denn das Lachen entsteht aus der Hölle, die allzeit voll des höhnischsten Lachens ist.
19] Es gibt wohl Zustände, wo es aber nur den Männern zusteht, eine dumme Sache und eine eigensinnige Blödheit zu belachen, dann aber ist das Lachen eine wohlverdiente Strafe für den, der des Auslachens wert ist.
20] So aber jemand nur zum Vergnügen lacht und Dinge, Begebnisse und lächerliche Reden aufsucht, damit er zum Lachen gereizt wird, der ist ein Narr! Denn nur eines Narren Herz kann zur Lache gereizt werden; ein jeder nur einigermaßen weise Mensch aber begreift gar leicht und bald des Lebens heiligen Ernst, und es wird ihm schwer in den Sinn kommen, daß er über etwas lache.
21] Darum lachet in Zukunft nicht mehr und wendet ab euer Gesicht von Possenreißern und Komödianten, die sich zahlen lassen dafür, daß sie euch für die Hölle zurichten. Seid allzeit nüchternen Herzens, damit ihr das Wohlgefallen Gottes habt und damit die wahre Ehre!«
22] Diese Rede machte einen großen Eindruck auf die Weiber, und sie machten ein Gelübde, in ihrem ganzen Leben nie wieder zu lachen.


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