Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 01, Kapitel 118


Gekränkter Pharisäer beschwert sich bei Jesus. Dessen harsche Antwort.

01] Es wandte sich aber ein Pharisäer an Mich und sagte: »Wie magst du als ein echter Jude schweigen, wenn ein solch elender Heide, dem du Gutes erwiesen hast, sich hier allerfrechst erkühnt, die heilige Lehre unserer Väter gar so schmählich zu beschimpfen?!«
02] Sage Ich: »Er beschimpfte aber weder Moses noch die Propheten, sondern bloß nur euch und eure neuen Satzungen und ließ Mich ungeschoren; was sollte Ich ihm da Zurechtweisendes sagen?! Euch hatte er bezeichnet und hat sich sonach nur an euch versündigt; darum ist es also nun auch allein eure Sache, euch mit ihm zu vergleichen! Hat er nichts wider Mich, was soll Ich dann wider ihn haben?! Sehet ihr zu, wie ihr mit ihm gleichwerdet! Ich bin mit ihm bis jetzt noch ganz in der Ordnung.«
03] Sagen die Pharisäer und Schriftgelehrten: »Ja, ja, dich hat er freilich wohl nicht beschimpft, aber uns; und wir meinen, daß du uns nun ein Freund geworden bist, und da wir nun nur zu gut wissen, welche Gewalt du in deinem Wort und Willen hast, so hättest du diesem Heiden uns zur Freundschaft wohl wenigstens des Volkes wegen ein paar Worte sagen können, daß er geschwiegen hätte! Aber du ließest ihn reden und uns zuschanden werden vor dem Volke; und sieh, das war durchaus nicht löblich von dir! Wir wollen dich darum zwar nicht hassen, aber geneigt können wir dir auch nicht sein!«
04] Sage Ich: »Seid, wie ihr wollt, und Ich werde auch sein, wie es Mir zu sein für gut dünken wird! Übrigens ist es wahrlich sehr sonderbar von euch, daß ihr nun Mir eure Freundschaft absagt, da ihr Mir im Grunde doch noch nie eine erwiesen habt! Ich aber, der Ich eigentlich im Vollrechte wäre, euch Meine Freundschaft zu entziehen, da ihr ehedem wahrlich keine löblichen Gedanken in eurem Herzen über Mich hegtet, tue das dennoch nicht!
05] Was kann Ich denn an eurer Freundschaft verlieren? Ich sage euch: Wahrlich, nichts! So ihr aber Meine Freundschaft nimmer habt, wer wird euch an Meiner Stelle eure toten Kinder zum Leben erwecken?!
06] So ihr aber die Rede des jungen Mannes erwäget, so müßt ihr bei nur einigem wahren Verstande doch in euch selbst offen bekennen, daß der Mann im vollsten Grunde des Grundes die reine Wahrheit geredet hat! Ihr kennet die Schrift und kennet Moses und die Propheten! Fragt ihr euch aber selbst, ob im Tempel nun aber auch nur eine Spur von Moses und all den anderen Propheten noch anzutreffen ist!?
07] War Ich in diesem Jahre doch Selbst zu Jerusalem und habe zu Meinem großen Ärger gesehen, wie aus dem Bethause Gottes eine allerbarste Mördergrube gemacht worden ist!
08] Die Vorhallen sind voll verkäuflichen Schlachtviehes und auch anderen unreinen Getiers, so daß die Menschen ohne die größte Lebensgefahr gar nicht in den eigentlichen Tempel gelangen können. Im Vortempel wird auf der einen Seite geschlachtet wie in den Schlachtbänken und das Fleisch verkauft; auf der andern Seite aber stehen Maklertische und Wechselbuden, und es ist da ein Lärmen und Schreien, daß nahe kein Mensch sein eigenes Wort zu hören imstande ist.
09] Kommt man dann in den eigentlichen Haupttempel, so kann man sich vor Taubenkrämern und andern, allerlei Gevögel zum Verkauf ausbietenden Schreiern gar nicht rühren! Und in das Allerheiligste, in das nur der Oberste der Priester einmal im Jahre treten durfte nach der Anordnung Gottes, wird nun gegen Bezahlung, die man gleichwohl noch ein Opfer nennt, sogar ein jeder Heide eingeführt, freilich ganz geheim unter dem Siegel der Verschwiegenheit gegen die Juden! Aber in Rom kennt man das Allerheiligste ebensogut, als es der Hohepriester in Jerusalem kennt! Und so enthüllt man gegen Geld den Fremden alle Geheimnisse des Tempels; so aber ein armer Jude es wagte, hinter den Vorhang zu treten, so wird er sogleich als ein Gotteslästerer und Sakrilegus gesteinigt hinter der Tempelmauer auf der verfluchten Stelle, und es vergeht keine Woche, in der nicht wenigstens einer gesteinigt wird und ein paar das verfluchte Wasser trinken müssen!
10] Welch eine Einrichtung ist aber das nun, daß man die Fremdlinge einweiht, die eigenen Kinder aber tötet?!
11] Sagt es euch selbst, ob solches Moses und all die Propheten geboten haben, und ob Salomo in seiner großen Weisheit, da er den Tempel vollendet hatte, das große Bethaus zu dem Zwecke einweihte, dem es nun dient! Kurz, das Bethaus Gottes ist eine barste Mördergrube geworden, und Jehovas Geist weilt nimmer in der Gestalt der Feuersäule über der alten Lade des Bundes!«
12] Hier werden die Pharisäer und Schriftgelehrten stutzig und sagen zu Mir: »Du bist doch immer in und um Nazareth gewesen; wie kannst du solches alles wissen? Wer hat dir den Tempel verraten?«
13] Sage Ich: »O der großen Albernheit eurer Frage! So Ich wissen kann eure geheimsten Gedanken, wie sollte Ich nicht wissen, was im Tempel ist und geschieht?! Es weiß das aber nicht nur Ich allein, sondern das weiß nun schon ein jeder Mensch!
14] Ihr selbst aber seid die eigentlichen Verräter alles dessen, und eure große Geldgier hat euch dazu verleitet! Ums Geld weihtet ihr die Fremden in des Tempels Geheimnisse ein, und diese haben es dann den Juden auf den Gassen laut verkündet; und ihr fragt Mich, wer Mir den Tempel verraten hätte?!
15] So ihr aber so gut wie Ich und viele tausend Menschen es wisset, wie nun der Tempel bestellt ist, und wisset aber dagegen auch, was Moses und die Propheten alle gelehrt haben, die wahrhaftigst vom reinsten und wahrsten Geiste Gottes erfüllt waren - und solcher Geist allein redete durch ihren Mund! -, wie ist dann euer Glaube an Gott beschaffen, daß ihr so leichten Kaufes Gottes Wort verwerfet und im frechsten und hochmütigsten Eigendünkel eure eigenen bösen Satzungen als vom Geiste Gottes ausgehend dem armen, blinden Volke verkündet und dasselbe mit allen Schrecknissen des Todes dazu anhaltet, daß es beachte und anbete eure Satzungen?!«


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