Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 1, Kapitel 77


Freches Volk verlangt Zeichen von Jesus. Darauf erfolgende Erdspaltung mit Rauch und Feuer. Über die Verworfenheit der Menschen.

01] Nach diesen Worten aber drängen sich viele, die während der Besprechung mit Simon Petrus sich auf diesen Platz begeben haben, zu Mir hin und verlangen Zeichen von Mir. Sie sagen: »Kannst du vor den Blinden, die keine Kenntnisse und keinen Verstand haben und darum nichts beurteilen können, Zeichen tun, so tue sie auch vor uns! Sind die Zeichen echt, so wollen auch wir an dich glauben; sind sie aber blind und schlecht, so werden wir auch wissen, was uns darum zu tun übrig bleiben wird! Denn wir sind in allen Dingen bewandert!«
02] Sage Ich: »Gut, so ihr in allen Dingen bewandert seid, wozu bedürfet ihr dann der Zeichen? Wenn ihr also weise seid, daß ihr Gott gleich in allen Dingen bewandert zu sein vorgebt, da werdet ihr es ja ohnehin erkennen, ob Ich die Wahrheit lehre oder nicht! Wozu dann die Zeichen?! Es sind aber hier nun schon in einem Verlaufe von nahe dritthalb Tagen ohnehin eine Menge Zeichen der außerordentlichsten Art geschehen, für deren Echtheit hier Hunderte der vollgültigsten Zeugen stehen; genügen euch diese nicht, so werden euren boshaften Herzen auch die neuen nicht genügen! Daher entfernet euch von hier von selbst, wollt ihr nicht mit Gewalt entfernt werden!«
03] Schreien die also Beschiedenen: »Wer wird, wer kann und darf uns hier mit Gewalt entfernen?! Sind nicht wir die Herren dieses Ortes, indem wir als Bürger Roms hier wohnen, handeln und schaffen und walten?! Wir können wohl dich hinausschaffen und -treiben im Augenblick; aber nicht, daß du einfältiger Galiläer uns von hier schafftest, wie es dir beliebig wäre! Und wir gebieten dir auch nun sogleich kraft unserer Machtvollkommenheit, daß du noch vor Mitternacht diese Stadt verlassest; denn wir sind deines Umgeilens (Herumtreiben) unter uns satt geworden!«
04] Sage Ich: »O ihr blinden Toren! Wie lange wollt ihr noch leben in eurer Machtvollkommenheit? Es kostete Mich nur eines Gedankens, und ihr wäret samt eurer Machtvollkommenheit in einem Augenblicke Staub! Daher kehret euch nach euren Wohnungen, sonst wird euch der Platz, auf dem ihr stehet, verschlingen!«
05] In diesem Augenblick spaltet sich die Erde knapp vor ihren Füßen, und Rauch und Feuer schlagen aus der Spalte empor. Als die Schmäher solches erblicken, heulen sie: »Weh uns! Wir sind verloren! Denn wir haben uns am Elias versündigt!« Mit solchem Geheul eilen sie von dannen, und die Spalte schließt sich. Wir aber begeben uns ruhig in das Haus Jorams.
06] Als wir alle nun in die Gemächer des Hauses der Irhael und des Joram kommen, so ist allda alles zum Abendmahle bereitet. Ich segne es, und alle setzen sich an die Tische, in allem nun bei tausend an der Zahl. Alle essen und trinken und loben den großen Wohlgeschmack der Speisen und des Weines und sind fröhlichen und heiteren Mutes. Nur der Oberste, der uns mit seinem genesenen Weibe und einigen Unterkommandanten aus dem vorerwähnten Orte hierher begleitet hatte, war düster und aß und trank wenig. Jonael setzte sich neben ihn und fragte ihn um den Grund seiner düsteren Stimmung.
07] Der Oberste seufzte tief auf und sagte: »Edler, weiser Freund! Wie kann man da wohl heitern Mutes sein, wo man nahe alle Menschheit sogar für den untersten Tartarus, so es irgend einen gäbe, für tausendmal zu schlecht findet?! Wenn zwei heißhungrige Wölfe einen Knochen finden und dabei des hungerstillenden Besitzes wegen miteinander in einen wütenden Kampf geraten, so ist das begreiflich! Denn fürs erste sind das Wölfe, Tiere ohne Vernunft, naturbelebte Maschinen, die von dem sie drückenden Bedürfnisse ihrer Natur getrieben werden, sich zu sättigen, und fürs zweite darum an und für sich gänzlich unzurechnungsfähig sind gleichwie ein angeschwollener Bach, der durch seine große und schwere Wassermasse alles verheert, was sich in seiner Nähe befindet. Aber hier sind es Menschen, die von sich selbst aussagen, daß ihnen gewisserart jeder Grad von Bildung und Weisheit eigen sei, sind aber dabei ärger in ihrem Herzen als alle Wölfe, Tiger, Hyänen, Löwen und Bären! Sie verlangen für sich jede erdenkliche Rücksichtnahme, während sie gegen ihre Nebenmenschen nicht die kleinste beachten wollen! - Sage, Freund, sind das auch Menschen?! Verdienen sie nur irgend eine Erbarmung?! Nein, sage ich, und noch tausend Male nein! O warte, du ungeschlachtes Volk! Ich werde dir ein Licht anzünden, daß dir darob das Hören und Sehen für immer vergehen soll!«
08] Sagt Jonael: »Was willst du aber tun? Lässest du sie samt und sämtlich über die Klinge springen, so wirst du dir anderorts Feinde sammeln; diese werden dich verraten in Rom, und du kannst dort in ein schlechtes Gerücht kommen, und das Ende davon wird sein, daß du darob irgendwohin nach der Skythen Lande verwiesen wirst! Überlaß du daher die Rache dem Herrn allein und sei versichert, daß Er für dieses Volk das haargenauest rechte Maß nehmen wird!
09] Lies die Geschichte meines Volkes, und sie wird es dir haarklein zeigen, wie der Herr zu allen Zeiten dem Volke jede Sünde, die es beging, auf das strengste und oft nahe unerbittlichste geahndet hat, und ich sage dir: Der Herr Himmels und der Erde ist noch gleichfort und unverändert Derselbe, wie Er war von Ewigkeit her! Er ist langmütig, voll der größten Geduld und läßt das Volk nie ganz ohne Lehrer und Zeichen von oben; aber wehe dem Volke, so dem Herrn einmal die Geduld zu kurz wird! Wenn Er einmal die große Zuchtrute schwingt, dann gibt Er aber auch nicht eher nach, als bis alle Glieder des Volkes zerhauen sind und dessen Knochen so mürbe werden wie ein leichter und dünner Brei!
10] Was du hier mit vieler und gefährlicher Mühe tun würdest, das vermag der Herr mit dem schwächsten Gedanken. Solange aber der Herr Selbst solche Menschen ertragen will, so lange wollen auch wir unsere Hände nicht an sie legen.
11] Du hast doch gesehen, ein wie leichtes es dem Herrn war, die Erde vor den Frevlern bersten und dann Rauch und Feuer aus der gähnenden Kluft emporgehen zu machen?! Ihm wäre es ja ein ebenso leichtes gewesen, diese Schmäher in Staub und Asche zu verwandeln! Aber es genügte Ihm, sie bloß nur zu schrecken und in die Flucht zu treiben.
12] Genügt so was dem Herrn, so genüge das auch uns; denn Er allein weiß allzeit ein rechtes Maß zu treffen! Ist aber der Herr unter uns sichtlich guter Dinge und zeigt, daß Er doch einige Freude über uns wenige hat, warum sollen wir da düster und traurig sein?! Sei fröhlich und heiter und freue dich der Gnade Gottes; alles andere überlasse ganz Ihm!«


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