Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 1, Kapitel 57


Jairuths Vermutung über die Jesus begleitenden Engel. Jesus bekennt Sich als der von Jairuth längst gesuchte Messias.

01] Sagt der Kaufmann: »Freund, du hast nun in voller und rechter Weisheit mit mir geredet und mir das gesagt, was ich in mir nur zu oft schon empfunden habe; aber ich begreife es nicht, warum du nun gar so darauf dringst, daß ich euch kundtun solle, für was ich euch und besonders ihn hielte. Für was ich ihn gleich anfangs hielt, da sagtest du, daß er das nicht sei, sondern viel mehr! Wie man aber, ohne ein Gott zu sein, mehr sein kann als ein Gott der Menschheit irdisch, das heißt, als ein Kaiser, das begreife ich nicht! Jehova allein nur ist irdisch und geistig mehr denn der irdische Gott Kaiser! Das wird er aber doch nicht sein?«
02] Sagt der Jonael: »Ich sage es dir: Betrachte unsere Gesellschaft ein wenig schärfer; vielleicht wird dir doch an ihr etwas auffallen! Was hältst du von den vielen herrlichen Jünglingen, die du in unserer Gesellschaft ersiehst? Betrachte sie und rede dann!«
03] Der Kaufmann sagt: »Ich habe sie bis jetzt für Edelknaben des Kaisers und für Söhne der Patrizier Roms gehalten, obschon sie ihrer feinen und weißen Haut und Farbe halber eher verkleidete Mädchen aus Hinterkleinasien sein könnten. Denn wahrlich, obwohl ich viel Schönes derart gesehen habe, da ich in früherer Zeit mit derlei Ware Handel trieb nach Ägypten und nach Europa, und zwar zumeist nach Sizilien für die großen und aller Lebensüppigkeit sehr ergebenen Römer; aber Gestalten von so unaussprechbar herrlicher Art sind mir noch niemals untergekommen! Sage mir doch, woher und wer sie sind! Es sind wohl deine Töchter auch sehr herrliche Gestalten; aber im Vergleiche mit diesen - man könnte füglich sagen - strahlenden Gestalten stehen sie dennoch bei weitem zurück. So du sie sicher näher kennst denn ich, da sage du es mir, wer und woher sie sind!«
04] Sagt Jonael: »Das dir zu sagen kommt mir nicht zu, sondern allein Dem, Der hier steht in der Mitte meiner Töchter. Wende dich daher an Ihn! Er wird dir den rechten Aufschluß geben!«
05] Hier wendet sich der Kaufmann vollends an mich und sagt: »Herr dieser Scharen, die dir nach meiner Ansicht wie die Lämmer ihrem Hirten folgen, sage mir doch, mit wem ich in deiner Person zu reden die hohe Ehre habe! Denn ich ward gefragt und riet auf den irdisch höchsten Stand; aber es ward mir bedeutet, daß ich mich geirrt habe. Nun weiß ich nichts mehr zu reden; daher halte du mich für würdig, etwas Näheres über deinen Stand mir kundzutun!«
06] Sage Ich: »Du bist auch einer von denen, die a nicht glauben, so sie keine Zeichen sehen. Sehen sie aber solche, dann sagen sie: 'Siehe, das ist entweder ein Jünger der Essäer, oder er ist ein Magier aus Ägypten oder gar aus dem Lande, das der Strom Ganges bewässert, oder er ist ein Knecht des Beelzebub!' Was kann man aber dann tun? Sage Ich dir aber geradeheraus, Wer Ich bin, so wirst du es Mir nicht glauben! (a Johannes.04,48)
07] Du hast deine Meinung ausgesprochen, und sie war falsch. Als Jonael dir sagte, Ich sei aber mehr denn dein irdischer Gott, da sagtest du: 'Nur Jehova allein ist größer denn ein Kaiser!' und verwahrest dich stillschweigend vor einer Annahme, daß Ich mehr sein könnte, als da ist ein Kaiser Roms, den du im Grunde bloß aus Furcht vor dessen irdischer Macht als das Höchste auf Erden bekennst, in deinem Herzen ihn aber verachtest mehr denn eine Pest und seine Macht mehr denn Heuschreckenzüge.
08] Es ist aber heute bereits der dritte Tag, daß Ich Mich in Sichar aufhalte, und es ist von da in die Stadt nur ein Lustwandelweg von einigen Feldwegen; es sollte Mich sehr wundernehmen, daß du von deinen Kollegen in der Stadt keine Kunde von Mir solltest erhalten haben!«
09] Sagt der Kaufmann: »Ah, du bist also derjenige, von dem man mir erzählt hat schon gestern und heute, daß er der Messias sei und solches bezeuge durch wundervolle Taten! Das alte Haus der schönen Irhael habest Du neu umgestaltet und wunderbar königlich eingerichtet?! Und man erzählte mir auch von einer scharfen Predigt am Berge, die du gehalten habest, an der sich aber viele stießen, da sie ganz antimosaisch gewesen sein solle! - Nun, nun, also der bist du!?
10] Nun, mich freut es, daß du mich besucht hast, und ich hoffe, dich noch näher kennenzulernen! Weißt du, ich bin dieser Idee nicht abhold und glaube fest, daß der Messias kommen werde und müsse! Die Zeit wäre so ungefähr nach meiner Rechnung gerade zu reden, eine ganz geeignete, denn der Druck der Römer ist nahe nicht mehr zu ertragen! Und warum solltest du nicht der erwartete Messias sein können?! O das nehme ich bald und leicht an!
11] Wenn Du deiner Kraft dir bewußt bist und es gehörig verstehst, dich als solcher allenthalben zu präsentieren, so stehe ich dir sogleich mit meinem ganzen großen Vermögen zu Diensten. Es sollen diese Schweine aus den heidnischen Abendlanden bald das Land unserer Väter räumen! Denn sieh, ich habe alle meine Kräfte von meiner Jugend an lediglich darauf verwendet, mir möglichst große Reichtümer zu sammeln des zu erwartenden Messias wegen, auf daß sich damit eine Großmacht von den tapfersten und verwegensten schlauen Kriegern durch guten Sold erkaufen lassen solle! Ich habe schon mit so manchen tapfersten Völkern von Hinterasien mich in die Korrespondenz gesetzt, und es bedürfte da nur einiger Boten, und in einer Zeit von etlichen Monden steht in diesen Gauen eine furchtbare Macht! Aber nun nichts mehr weiter davon; in meinem sehr geräumigen Hause werden wir darüber das Weitere verhandeln!
12] Nun aber wird das Mittagsmahl für euch alle auch schon bereitet sein; kommet daher alle und esset und trinket nach Herzenslust!«
13] Sage Ich: »Nun denn, sei bis dahin auch alles ganz wohl und gut; alles andere werden wir dann vollends besprechen und ausmachen! Und so denn führe uns alle in den großen Saal. Aber jene Männer dort ganz rückwärts lasse hier; diese gehören nicht zu den Meinen, sondern rein nur der Welt an!«


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