Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 1, Kapitel 56


Jairuths Erfahrungen als Wahrheitszeuge. Seine Beweisführung über die Lüge als Ursache alles Übels.

01] Sagt der reiche Kaufmann nach einer kleinen Weile: »Liebe hohe Gäste! Da ist nichts besser, als nur schön fleißig dem Munde die Sperre anzulegen und so wenig zu reden als nur immer möglich! Denn niemals darf man, und vor hohen Personen schon am allerwenigsten, das ganz offen kundgeben, was man im Herzen denkt und fühlt; denn die hohen Menschen haben eine sehr feine Haut, die den scharfen Hieb der Wahrheit nicht verträgt. Daher ist es also auch besonders in Gegenwart solcher höchsten Herrschaften gefährlich, mit der Wahrheit zum Vorschein zu kommen. Denn solche Herrschaften haben etwas, das Versuchung heißt, und vor solcher muß man sich mehr in acht nehmen, als vor Schlangen, Nattern und Basilisken; denn man hat Exempel, - ja, man hat ganz kuriose Exempel! Jeder denke, was er will; im Handeln aber sei er ein guter Patriot, so wird er mit allen Menschen gut auskommen! Aber nur so wenig als möglich reden; sonst könnte man sehr leicht mit den entsetzlichen Bütteln in eine höchst unangenehme Berührung kommen!
02] Ich habe eigentlich so schon viel zu viel der Wahrheit geredet! Darum bleibe ich nun fest beim Kaiser stehen und sage noch einmal: Auf der Erde gibt es außer dem Kaiser Roms nichts Höheres mehr; Caesarem cum Jove unam esse personam. (d.h.: Caesar und Jupiter sind eins) Was ein Cäsar will, übt die Gottheit still!
03] Darum hinweg von der Erde mit der Wahrheit, so es irgend eine Wahrheit gibt; sie taugt nichts fürs Menschengeschlecht! Wie viel Unheil hat die Wahrheit schon angerichtet, und ihre Lehrer haben entweder am Kreuzpflocke oder unter dem Schwerte ihren Wahrheitsgeist ausgehaucht! Wer sich aber recht aufs Fragen verlegt hat, der ist noch stets mit der heilen Haut davongekommen, - höchstens, daß sie hie und da, wenn sie zu dumm gelogen haben, zu den Füßen haben ihre Augen richten müssen; aber geschehen ist ihnen weiter nicht viel, während aber, mit geringer Ausnahme, noch fast alle großen Freunde der Wahrheit eines gewaltsamen Todes von der Erde abgefahren sind.
04] So aber der Wahrheit ein solcher ,Lohn' folgt, welcher Esel oder Ochse wird noch fürder wollen ihr Freund sein?! Man behalte sie wie einen Arrestanten lieber in der eigenen Brust verriegelt und wandle frei unter den Menschen, statt daß man durch ihre Freilassung selbst zum Arrestanten an Leib und Seele wird; denn so der Leib im Kerker schmachtet, kann die Seele für sich in keinen Lusthain wandeln gehen.
05] Ich habe auch noch nie gehört, daß die Wahrheit irgend etwas Gutes gestiftet hätte. Einige Beispiele sollen euch die Sache ins hellere Licht stellen:
06] Ein Dieb ist wegen starken Verdachtes verhaftet worden und steht vor den strengen Richtern. Versteht er sich aufs Lügen, so wird er entlassen aus Mangel an hinreichenden Beweisen; spricht der Esel aber die Wahrheit, so wird er mit aller Schärfe gezüchtigt. Da hole der Beelzebub die Wahrheit!
07] So ist jemand, wie es nur zu oft geschieht, von einem Pfiffikus bei irgend einem Handel um ein bedeutendes hinters Licht geführt worden. Der Betrogene, der ohnehin viele Geschäfte und Vermögen besitzt, merkt diesen Betrug nicht und ist dabei ganz guter Dinge. Nun kommt aber ein Wahrheitsfreund, der den Betrug gemerkt hat, und entdeckt dem Betrogenen, wie er von seinem Geschäftsmanne um soundso viel ist betrogen worden! Von dem Augenblick an wird der Betrogene erst unglücklich, geht zum Richter und läßt sich's viel kosten, um den Betrüger zu züchtigen. Hat ihm diese Wahrheit etwas Gutes gebracht?! Nein, Zorn und Rache nur hat sie in ihm erweckt und ihn zu noch größeren Auslagen seines Vermögens verleitet! Dem Betrüger aber, der zu lügen verstand, schadete die Wahrheit des Verräters nicht nur nicht, da ihm die Lüge half, aber gerade den verräterischen Wahrheitsfreund brachte sie als einen böswilligen Verleumder ins Gefängnis! Frage: Welchen Lohn zollte hier abermals die Wahrheit ihrem Freunde?!
08] Darum hinweg von der Erde mit der Wahrheit! Sie allein ist an allem Unglück der Menschen schuld, wie auch Moses spricht im ersten Buche: a 'Sobald du vom Baume der Erkenntnis, als vom Baume der mannigfachen Wahrheit, essen wirst, da auch wirst du sterben!' Und also ist es und bleibt es noch bis zur Stunde! Mit der Lüge kommt man auf den Thron und mit der Wahrheit ins Gefängnis! Schöne Bescherung den Freunden der Wahrheit! (a 1. Mose.02,17)
09] Suchet daher die Wahrheit, wo ihr wollt, nur mich lasset ungeschoren! Was meine Speisekammern fassen, und was in meinen Gärten wächst, stehet euch zu Gebote; das Heiligtum meines Herzens aber gehört mir allein, als eine Gabe Jehovas! Euch und aller Welt aber gebe ich, was ich von der Welt habe, und das ist der Welt Heil! Gottes Heil aber behalte ich allein für mich!«
10] Sagt der Oberpriester: »Ich bekenne es dir offen, daß du nun, wie es eigentlich weltlich in der Welt ist, ganz richtig geurteilt hast. Aber, weil du schon von Moses geredet hast, so wirst du es ja auch wissen, daß da Moses ein Gesetz von Gott erhielt für sein Volk, in welchem Gesetze die Lüge oder das falsche Zeugnis verboten ist und allen Menschen nur die Wahrheit zur Pflicht gemacht wird!? Wenn dieses Gesetz alle Menschen beachten würden, sage selbst, wäre es da nicht herrlich zu leben auf der Erde?!
11] Ich sage es dir, und du mußt es einsehen: Nicht die Wahrheit, sondern allein die Lüge ist es, von der alles Unheil auf der Erde unter die Menschen kommt, und das darum, weil die Menschen mit seltener Ausnahme herrschsüchtig und hochmütig sich gegenseitig begegnen. Ein jeder will mehr sein als sein Nebenmensch, und so greift der blinde Mensch nach allen Mitteln, die ihn befähigen können, sich seinen Nebenmenschen in einem wie nur immer möglich größeren Vorrange zu zeigen und dem Schwächeren glauben zu machen, er sei bei weitem mehr und viel vorzüglicher als irgend ein anderer Mensch.
12] Diese Ranggier verleitet dann mit der Weile die Menschen zu allerlei Lastern, zum Mord und Totschlag sogar, so es ihnen auf anderen Wegen der Lüge und des Betrugs nicht gelingen will, zu großem Rang und Ansehen vor anderen Menschen zu gelangen.
13] Weil demnach die Menschen nahe allesamt besser und vorzüglicher sein wollen als sie sind, so bleibt ihnen freilich nichts anderes übrig, als sich kreuz und quer in einem fort so viel nur immer möglich anzulügen, und die Wahrheit hat in der Mitte solcher Menschen einen überaus schweren Stand.
14] Möchten aber die Menschen den endlosen Vorzug der Wahrheit vor der Lüge erkennen, was sehr leicht möglich wäre, so sie Gott und dessen heilige Gesetze in der wahrhaftigen Tat respektierten, dann würden sie die Lüge fliehen ärger denn die Pest, und die wahre Gerechtigkeit Gottes würde dann einen Lügner strafen mit dem Tod. Aber weil die Menschen hochmütig und herrschsüchtig sind allzumal, so lieben sie die Lüge und reden ihr das Wort.
15] Aber die Menschen, wie es die etlich tausendjährige Erfahrung zeigt, leben nicht ewig auf dieser Erde, sondern sie müssen alle in kurzer Zeit sterben dem Leibe nach, der am Ende den Würmern zur Speise gegeben wird; die Seele aber wird dann treten müssen vor Gottes Gericht! Da frage ich, wie sie mit ihrer hochgepriesenen Lüge vor Gott bestehen wird!
16] Ich aber meine und halte es lebendig dafür, daß es in dieser Welt besser sei, um der Wahrheit willen ans Kreuz zu kommen, als dereinst vor Gott zuschanden zu werden und von Ihm den Ruf: 'Weiche von Mir!' für ewig zu vernehmen!
17] So du mich ordentlich verstanden und daraus entnommen hast, daß wir wahre Freunde der Wahrheit sind, da rede also die Wahrheit und fürchte dich nicht töricht, daß wir dich der Wahrheit wegen strafen werden, und sage uns offen und wahr, was du von uns und namentlich von Dem hältst, Der nun mit meinen Töchtern spricht!«


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