Jakob Lorber: 'Schrifttexterklärungen'


29. Kapitel: »Und die Teufel baten Ihn und sprachen: Schicke uns zu den Säuen, daß wir in sie fahren!« (Markus.05,12)

   01] »Und die Teufel baten Ihn und sprachen: Schicke uns zu den Säuen, daß wir in sie fahren!«
   02] Ich habe euch schon einmal gesagt, daß durchgehends in allen Meinen Taten die bei weitem tieferen und verborgeneren Geheimnisse Meines Seins im Fleische auf der Erde stecken. Denn die Worte habe Ich zu jedermanns Verständnis gestellt; aber nicht also steht es mit Meinen Taten. Diese verstanden selbst Meine Brüder nicht, bevor nicht der Heilige Geist über sie kam; und als sie sie verstanden, da ward es ihnen auch vom Geiste gesagt, daß sie vor niemandem sollen den tiefen Sinn der Taten kundgeben, weil die Welt ihn nie fassen kann und wird.
   03] Und so verhält es sich auch mit dieser Tatsache! Möchte Ich euch den tiefsten Sinn derselben vollständig dartun, so müßtet ihr die ganze Oberfläche der Erde dreimal überschreiben, um nur mit der Einleitung fertig zu werden. Zu der Hauptbedeutung dieser Tatsache aber hätte ein ganzes Sonnengebiet zu wenig Raum, um alle die Bücher zu fassen, die darüber geschrieben werden möchten. Daraus aber könnet ihr doch sicher abnehmen, was alles hinter einer solchen Tatsache steckt!
   04] Wenn aber von einem Worte schon gesagt ist, wie es gleich ist einem Samenkorne, das in die Erde gesät wird und vielfache Frucht bringt, - was kann da erst von einer wirklichen Tat Gottes gesagt werden?! Denn es ist ein Unterschied zwischen dem »Gott sprach: ,Es werde!'« und dem dann daraus gefolgten: ,Es ward.'
   05] Damit ihr euch aber dennoch von der Größe einer solchen Tat einen leisen Begriff machen könnet, so will Ich euch in aller Kürze einiges davon enthüllend kundgeben.
   06] Warum richtet hier der Herr an den Dämon die Frage, wie er heiße, nachdem doch dem Allwissenden solches sicher bekannt war, daß in diesem besessenen Menschen nicht nur einer, sondern eine ganze Legion von Dämonen böswirkend vorhanden waren? Der Herr fragte sicher nicht darum, als wollte Er den Namen dieser argen Geister erfahren; warum aber fragte Er hernach?
   07] Er fragte, um diesen Dämonen kundzugeben, wer Er ist; denn aus der Frage erkennt man leichter die Beschaffenheit eines Wesens als aus der Antwort. Fragt einen Narren, und er kann euch eine Antwort geben, die euch stutzen machen wird; lasset aber den Narren euch um etwas fragen, und ihr werdet ihn sogleich an seiner Frage erkennen! Im Geistigen aber ist es die einzige Art, sich zu erkennen durch die Frage; und so fragte der Herr auch hier nicht, um eine Antwort zu bekommen, sondern um Sich auf diese geistige Weise den Dämonen zu erkennen zu geben, wer Er ist.
   08] Ähnliche Situationen kennet ihr auch und habet ihr auch schon bei den sogenannten Somnambulen beobachten können. Denn wenn ihr eine Somnambule fraget, so hat das nicht den Charakter im Leben der Somnambule, als wolltet ihr von ihr etwas erfahren, sondern eure Frage hat den Charakter einer Entblößung vor dem Leben der Somnambule, durch die euch die Somnambule inwendig beschaut, euch erkennt und dann den in euch vorgefundenen Mangel durch ihre Lebenstätigkeit ergänzt.
   09] Diese Art ist freilich nur eine Mittelstufe zwischen einer rein weltlichen und rein geistigen Frage; dennoch aber hat sie für den tieferen Denker schon den geistigen Charakter in sich.
   10] Also aber heißt demnach diese Frage des Herrn an die Dämonen so viel, als so Er gesagt hätte: »Sehet her! Eine Blöße in Mir, die ist, daß in Mir kein Böses ist!«
   11] Und die Dämonen erschauen diese heilige Blöße und erkennen alsbald den Herrn der Ewigkeit in ihr; und daß sie dann sprechen: »Unser ist eine Legion!«, - dadurch geben sie etwa nicht ihre positive Zahl an, sondern sie geben dadurch nur in geistiger Weise kund, daß im Angesichte der höchsten Reinheit Gottes ihres Bösen in übergroßer Menge vorhanden ist.
   12] Die Reinheit des Herrn selbst aber zwingt sie, zu weichen vor ihr. Aber die Bösen erschauen auch in der Mitte der göttlichen Reinheit die göttliche Erbarmung und wenden sich an diese. Sie nehmen in diesem Augenblicke die Zuflucht zur Demut und verlangen da ihrem bösen Charakter gemäß, in den Schweinen Wohnung nehmen zu dürfen; und die Erbarmung des Herrn gewährt ihnen, was sie aus solcher Demut sich erbitten.
   13] Als sie aber in die Schweine fahren, da erst erwacht wieder ihr vor dem Herrn verborgener Hochmut, und sie treiben die Schweine ins Meer, auf daß diese zugrunde gehen und sie, die Dämonen nämlich, sich darauf frei als Ungetüme in den Gewässern umherbewegen können.
   14] Also sieht dieses Bild aus. Wer aber ist dieser besessene Mensch? - Dieser besessene Mensch ist geradewegs die Welt; in dieser sind diese Legion Dämonen, wie sie in diesem Menschen vorkommen.
   15] Der Herr kommt zu dieser besessenen Welt in Seinem Worte. Die Welt möchte frei werden von ihrer geheimen Plage, und der Herr macht die Welt frei. Aber ihre innere böse Lebenstätigkeit ist in ihrem freien Zustande ärger als in ihrem gebunden.
   16] Wenn sie gebunden ist, da klagt sie über Druck und Plage; wenn Ich sie aber frei mache, da fliegt ihre Tätigkeit in die Schweine und stürzt sich von selbst in das Meer des Verderbens, und die etwas besseren Menschen der Welt suchen Mich auch noch obendrauf von sich zu entfernen, weil Ich ihnen für ihre Weltindustrie durchaus nicht zusage. Denn diese Gerasener (Gadarener) besagen soviel als die Träger des Welttums, oder noch deutscher (deutlicher) gesprochen: sie sind die eigentlichen Industrieritter.
   17] Die Dämonen aber, die in die Schweine fahren, sind die Stutzer, Wohlschmecker, Wollüstlinge, Betrüger und allerlei Ränke- und Schwänkemacher. Wollet ihr diese sich ins Meer stürzenden Schweine von allerlei Farbe erblicken auf der Welt, so ziehet in die besonders großen Hauptstädte; da werdet ihr sie in großen Herden antreffen, welche vollkommen lebensgetreu der evangelischen (denen im Evangelium) gleichen. Ihrer ist auch eine gar große Legion; sie sind alle von den unlautersten Dämonen besessen, und diese treiben sie ebenfalls in das Meer des sicheren Verderbens.
   18] Sehet, das ist der für euch nutzbarerweise zu erkennende Sinn in dieser evangelischen Tat des Herrn! Daß aber hinter diesem ein endlos weit ausgebreiteter, noch viel inwendigerer Sinn vorhanden ist, braucht nicht zum zweiten Male näher angezeigt zu werden; denn fürs erste würdet ihr ihn nimmer fassen, und fürs zweite würde er euch keinen Nutzen, sondern nur einen Schaden bringen.
   19] Darum begnüget euch mit dem; denn die Unendlichkeit ist zu groß, die Zahl der Geschöpfe in ihr unendlich, ihre Bestimmung für euch zu vielfach unerklärlich. Also könnet ihr auch unmöglich erfassen, wie der Besessene die ganze materielle Schöpfung und seine Inwohnerschaft die alten Gefangenen darstellt! - Dieser Besessene ruht in den Gräbern und ist böse über die Maßen; sehet an die endlose Zahl der Gräber in der Unendlichkeit!
   20] Doch genug davon! Für euch ist es diesseits nicht an der Zeit, solches in der Tiefe zu erfassen. Beachtet somit das erste; solches wird euch nützen! Amen.


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