voriges Kapitel Jakob Lorber: 'Die natürliche Sonne' nächstes Kapitel

Kapitelinhalt 70. Kapitel: Gottesinnigkeit - als Religions- und Lebensgrundzug auf dem siebten Gürtelpaare.

   01] Wir haben schon gestern vernommen, daß derjenige, der vom Zentrum aus bohrt, unmöglich je die Rinde des Baumes verfehlen kann - fürs erste, weil die Rinde den ganzen Baum umgibt, und fürs zweite, weil vom Zentrum aus bis zum umgebenden Kreise allzeit ein gerader und sicherer Weg führt. - Wer aber das Zentrum eines Kreises nicht hat, der wird dasselbe vom Kreise aus allergenaust wohl schwerlich finden, weil er vom Kreise aus das Zentrum wird suchen müssen.
   02] Es wird aber jemand sagen: Es ist alles gut und wahr; wenn man aber einen Baum erst über den Kern spalten muß, um dann vom Kern aus zu bohren, so ist das doch eine schwierige Arbeit! - Und Ich sage: Allerdings! Denn zur Erforschung der Wahrheit und allzeitigen Untrüglichkeit wird auch sicher mehr erfordert als zur Erfindung einer oder der andern Lüge. Soll man aber darum sich scheuen, die reine Wahrheit zu suchen, weil zu ihr der Weg schwerer ist als zur Lüge? - Ich meine, solches wird wohl niemand behaupten. - Also ist es auch mit der Spaltung des Baumes. Es ist da leichter, von außen nach innen zu bohren und dann zu sagen: man hat das Zentrum getroffen, - als den Baum zu spalten und vom Zentrum nach außen zu bohren.
   03] Dessenungeachtet aber erfordert die Wahrheit solches. Und man muß das Leben suchen, wo es ist, und dann vom Leben ausgehen, - nicht aber da, wo es nicht ist, und somit als Toter vom Tode aus das Leben finden und ergründen wollen!
   04] Wer sonach den rechten Weg gehen will, der muß allezeit den solaren, aber nicht den antisolaren gehen. Und der Baum muß gespalten sein, damit des Lebens Zentrum an das Licht kommt.
   05] Dieses wäre alles gut, wird so mancher sagen; wie sollen wir aber den Baum spalten? Zuoberst sitzt die Krone, und zuunterst sind die Wurzeln! - Ich aber sage: Säget die Krone ab, tut die Wurzeln hinweg, so bleibt euch der Stamm, und dieser kann mit leichter Mühe gespalten werden.
   06] Aber hier werdet ihr schon wieder sagen: Was will dann das bedeuten? Wir verstehen es nicht! - Was ist die Krone des Baumes? - Das sind die weltlichen Wißtümlichkeiten, die im äußern Verstande haften.
   07] Was werden etwa die Wurzeln sein? - Ihr dürfet nicht weit greifen, sondern nur die Frage beantworten: zu welchem Zweck oder aus welchem Grunde die Menschen ihren Verstand mit allerlei Weltkenntnissen bereichern? - Und die Wurzeln werden ganz sichtbar vor euch auftauchen. - Solltet ihr etwa die schwere Antwort nicht finden, so kann Ich sie euch sagen! Nämlich - daß darunter all die weltlichen Interessen und Vorteile verstanden werden. Diese weltlichen Interessen und Vorteile vereinigen sich zu einem Kerne des Baumes, welcher da bezeichnet die Eigenliebe des Menschen, - welche Eigenliebe sich dann in den Ästen und Zweigen in allerlei nützliche Verstandeswissenschaften ausbreitet, damit sie durch dieselben stets mehr Nahrung für ihr eigenes Wesen finden möchte.
   08] Sonach wird dieses Bild jetzt etwa doch verständlich sein. Die Krone hinweg! Die Wurzeln hinweg! Den Stamm spalten! -, damit die Eigenliebe nach außen gekehrt und zur Liebe zum Nächsten und zu Gott wird und also umgekehrt den Strahlen der ewigen Lebenssonne ausgesetzt wird! - Sehet, also nach außen gekehrt wird die Liebe ersichtlich und kann in sich selbst erforscht werden; und wo immerda ein Bohrer der innern Weisheit angesetzt wird, wird er ausgehen vom erleuchteten Grunde und wird die Rinde oder den äußern Kreis allzeit in der geradesten Richtung treffen, ohne denselben mühsam zu suchen.
   09] Einige aber werden sagen: Das Bild ist gut und läßt sich hören; aber bei solcher Operation ist der Baum ja hin! - Und Ich sage euch: Wenn dieser äußere Baum nicht hin wird, so wird der innere mit der Zeit samt dem äußern zugrunde gehen. Geht aber der äußere des innern wegen zugrunde, so wird der innere erhalten. Denn wer das Leben liebt, der wird es verlieren; wer es aber flieht, der wird es überkommen. Das heißt, mit andern Worten gesagt: Wer das Weltleben liebt, der wird des Geistes Leben verlieren; wer aber des Geistes Leben liebt und verachtet das Leben der Welt, der wird das Leben des Geistes überkommen.
   10] Wer also das Leben des Geistes liebt und dasselbe überkommt, der hat sich selbst gespalten und hat sein innerstes Leben dem Lichte aus Mir geöffnet. Und dieses Licht ist der wahre Weisheitsbohrer, welcher alles durchdringt, und das zwar von demjenigen Punkte [aus], allda alle Dinge und Wesen in eins zusammenlaufen.
   11] Da wir nun solches wissen, so wissen wir auch schon beinahe alles, was die Religion der Bewohner unseres siebenten Sonnengürtels betrifft. - Diese besteht lediglich in dem: alles von innen aus zu beschauen, und aus diesen inneren Beschauungen ein wahres, inneres, lebendiges Lob Mir darzubringen.
   12] Worin aber besteht dieses Lob? Dieses Lob besteht in der vollkommenen Einung durch das Zurückkehren alles äußern Naturmäßigen in das einfach Geistige. Möge die Äußerlichkeit noch so zerstreut sein als sie will, so muß sie sich endlich im Innern doch als eine vollkommene, gleichlautende Einheit aussprechen lassen.
   13] Dieser Ausspruch lautet: Gott ist die Liebe! Alles was da ist, ist eine Ausstrahlung dieses ewigen Heiligtums. Und dieses Heiligtum findet Sich in Seiner endlosen Allheit in Sich Selbst endlos vollkommen also, wie es Sich findet in uns, Seiner Ebenmäßigkeit. - In dieser Ebenmäßigkeit sind wir dann, zufolge des in uns aufgefundenen, einigen Heiligtums, selbst einig mit dem urewigen, in Sich Selbst allervollkommenst einigen Heiligtume, welches ist Gott, die alleinige Liebe. - Also lieben wir Gott, so wir Seine Liebe haben; denn Gott läßt sich mit keiner andern Liebe lieben als allein mit der eigenen, einigen. - Wer demnach Gott lieben will, damit er ewig in Ihm lebe, der muß die Liebe Gottes in sich haben als eine vollkommene Einigung mit Gott, welche da ist eine Rückbringung alles dessen in der geheiligten Einheit, was die ewige, einige Liebe zufolge Ihrer großen Erbarmung in zahllosen Gnadenstrahlen aus Sich gestreut hat.
   14] Sehet, das ist der eigentliche Grundsatz der Religion dieses siebenten Gürtels. - Dieser Grundsatz aber ist demnach auch das Grundprinzip aller Handlungen der Menschen dieses Gürtels.
   15] Und so stellt auch ihr ganzes Wesen solchen Grundsatz ersichtlich dar. - Sie sind äußerlich nackt, weil sie das Äußere nicht achten. Aber desto bekleideter sind sie inwendig, weil ihnen alles an dem Geiste gelegen ist. - Sie sind großen Leibes, zum Zeugnis, daß sie alles Äußere umfassend nach innen führen, um es da zu einen. - Sie sind von verschiedener Größe, damit sie diese äußeren Unterschiede im Geiste aufheben und einig machen. - Also sind sie auch verschiedenfarbig, welches da entspricht der Teilung des Lichts oder dem Auswendigen der Dinge, - damit alle diese Farben in ihrem Geiste zu einem Lichte vereinigt werden. - Sie bewohnen die äußersten Gürtel der Sonne, zum Zeichen, daß das Äußere zum Inwendigen geführt und da mit demselben eins werden soll. - Also leben sie von allerlei Früchten, teils von solchen, die ihnen frei wachsende Bäume und Gesträuche abwerfen, teils von den Früchten, welche ihr Wille dem Boden entlockt, und teils von denjenigen Nahrungsmitteln, welche ihnen die Luft wie ein Wunder zuführt, - zum Zeichen, daß der Mensch alle ausgestreute Gnadenfülle aus der ewigen Liebe in sich aufnehmen soll.
   16] Sehet, also geht demnach auch ihr ganzes Streben dahin, daß sich in ihnen alles in der Liebe zu Gott vereinen soll. Das Größte dem Äußern nach gilt ihnen gleich wie das Kleinste. - Da sie wohl die Bewohner der ganzen Sonne aus ihrem Geiste heraus kennen, so sagen sie: Die Bewohner des Mittelgürtels, als die von aller äußern Pracht am meisten strotzenden, sind die kleinsten Menschen der Sonne. Würden sie nach dem äußern Maßstabe sprechen, so würden sie sicher noch kleinere finden, wie wir sie im Verfolg [dieser Eröffnungen über die Sonne und ihre Bewohner] gefunden haben. Allein da sie alle Dinge bloß von innen aus betrachten, so benennen sie dieselben auch also, wie sie dieselben in sich finden. - Ich mache euch hier darauf aufmerksam, daß Ich im Verlaufe [der Schilderung] des Mittelgürtels Selbst ausgesagt habe, als seien sie die kleinsten; allein solche Aussage verhält sich eben nach dieser gegenwärtigen Beleuchtung. Denn wo immer das Auswendige überaus prachtvoll und mannigfaltig ausgestattet ist, da ist das Inwendige am kleinsten. Wo aber das Äußere ohne allen Prunk dasteht, da ist das Innere desto größer.
   17] Hier im siebenten Gürtel haben wir nirgends einen äußern Prunk gesehen; dafür ist aber auch das Innere am größten. Wenn hier auch die äußere Form zur größten wird, so schadet das der Sache nichts; denn solche Größe ist dann nur eine Folge der wahrhaften, innern Übergröße und ist ein Zeichen dessen, wovon wir schon gesprochen haben. - Also wird auch manchmal das Maß eben des Mittelgürtels verschieden angegeben; allein auch solches geschieht zufolge des allezeit mitbegriffenen Maßstabes der Menschen, die da solchen Gürtel bewohnen. - Und so verhält sich noch so manches von innen aus betrachtet ganz anders, als es äußerlich ins Auge fällt.
   18] Da wir nun solches wieder erfahren haben, so können wir auch das Gegebene allzeit auf eine zweifache Art betrachten, nämlich von außen und von innen. - Wo irgendeine Spalte im Äußern ersichtlich ist, da denket, daß auch diese Spalte im Zentrum in eins zusammenfließt. Und betrachten wir das Gegebene von innen aus, so werden wir ohnedies allzeit den geraden Weg treffen und werden zum voraus erkennen, daß da die äußeren Auswüchse und Unebenheiten sich im Zentrum dennoch als eins finden müssen und demselben unmöglicherweise je eine andere Richtung geben können, wenn sie sich untereinander [auch] durch noch so große Klüfte, Sprünge, Erhöhungen und Vertiefungen unterscheiden sollten.
   19] Somit wären wir auch mit der Darstellung der Religion der Menschen dieses Gürtels zu Ende und wollen daher nächstens nur noch einiges von ihrer Zeugung, Geburt, Ehe und ihrem Absterben sprechen und sodann uns zur innern Sonne begeben, welche wir so kurz als nur immer möglich im allgemeinen durchgehen wollen. - Und so lassen wir es für heute wieder gut sein!


voriges Kapitel Home  |   Zum Buch-Inh.-Verz. Buch-Inhaltsverzeichnis  |   Orig.-Werke Lorbers  |   nächstes Kapitel