Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

286. Kapitel: Der Lehrer Piras Zachäus wünscht das Wunderkind aus Ruhmsucht in seine Schule. Joseph rät dem Lehrer, einen Versuch zu machen. Jesus beschämt den heuchlerischen Lehrer. (24.08.1844)

01] Nach einer Zeit von ungefähr drei Monden, als Joseph mit der Arbeit im Dorfe fertig war, kam ein gewisser Piras Zachäus aus der Stadt zu Joseph auf einen Besuch und machte da auch zum ersten Male persönliche Bekanntschaft mit dem Kinde, von dem er schon so manches vernommen hatte.
02] Er kam aber heimlich so ganz eigentlich des Kindleins willen.
03] Denn dieser Piras Zachäus war in der Stadt ein wenig zu tun habender zweiter Lehrer und hielt aber dennoch sehr große Stücke auf seine Weisheit.
04] Warum aber kam er denn heimlich des Kindleins wegen zu Joseph?
05] Weil er dachte: ,Das muß ein sehr talentvoller Knabe sein;
06] ,diesen will ich zu mir in die Schule bringen, auf daß dann durch dessen rasche Fortschritte meine Schule vor der meines Rivalen in Ruf komme!'
07] Er beschäftigte sich darum hauptsächlich mit dem Knaben Jesus, befragte Ihn über manches und bekam allezeit die triftigste Antwort, worüber er sich hoch verwunderte.
08] Als er das Knäblein also ausgeforscht hatte, da wandte er (Piras Zachäus) sich an Joseph und sprach zu ihm:
09] »Bruder, der Kleine hat für sein Alter ja einen außerordentlichen Verstand. Wahrlich wahr, da hast du ein übergescheites Knäblein;
10] es ist nur schade, daß es noch nicht lesen kann und zeichnen die Buchstaben!
11] Möchtest du es denn nicht zu mir in die Schule geben, auf daß es bei mir lerne die Buchstaben lesen und schreiben?
12] Und ich will es dann noch lehren alle anderen Wissenschaften, daß es begrüßen lerne die Ältesten und sie ehre wie Großväter und Väter;
13] und weißt du, daß es auch lieben lerne seine Spielgesellen, mit denen es schon öfter sehr unbarmherzig soll umgegangen sein,
14] und daß es endlich auch erlerne das Gesetz Mosis, erkenne die Geschichte des Volkes Gottes und die Weisheit Gottes in den Propheten!«
15] Und Joseph sprach zu dem Lehrer: »Gut, mein Freund und Bruder! Aber bevor du noch diesen meinen Knaben zu dir in die Schule nimmst, mache hier vor mehreren Zeugen, die heute bei mir sind, einen kleinen Versuch!
16] Sage Ihm alle Buchstaben vor und erkläre sie Ihm deutlich; dann frage Ihn durch,
17] und du wirst dann aus dem, was Sich der Knabe wird gemerkt haben von deiner Erklärung, am sichersten beurteilen können, wie da beschaffen ist Sein Talent!«
18] Und der Lehrer tat das sogleich. Er sagte dem Knaben die Buchstaben von Alpha bis Omega deutlich vor und erklärte auch die Zeichen, so gut es ihm nur immer möglich war.
19] Jesus aber schaute den Lehrer groß an und sprach, als er Ihn darauf befragte, zu ihm:
20] »O du Heuchler von einem Lehrer! Wie willst du das Beta die Schüler lehren, der du das Alpha noch nie nach seiner Bedeutung erkannt hast?!
21] Erkläre Mir der wahren Weisheit gemäß das Alpha, und Ich will dir dann glauben, was du sagen wirst über das Beta!
22] Damit du aber nun erfahrest, daß Ich nicht nötig habe, von dir die Buchstaben und ihren Bau und ihre Bedeutung zu erlernen, so will Ich dir's erklären und zeigen der Buchstaben wahre Bedeutung!«
23] Hier fing der kleine Jesus dem ganz verdutzten Lehrer das ganze Alphabet vorzukapiteln an und befragte ihn auch fleißig daneben, ob er es begriffen habe.
24] Jede Antwort des Lehrers aber fiel so dumm und höchst unvollständig aus, daß darob alle Anwesenden in helles Lachen ausbrachen.
25] Da aber der Lehrer solche erstaunliche Weisheit in dem Kinde entdeckte, und wie er da zu Schanden geworden war, da stand er auf und sprach zu den Anwesenden:
26] »O wehe mir Armen! Ich bin nun ganz verwirrt geworden! Mir selbst habe ich Schande, Spott und Schaden bereitet darum, daß ich dieses Knäblein in meine Schule bringen wollte.
27] O Bruder Joseph, hebe den Knaben von mir hinweg; denn ich kann nimmer ertragen das Herbe seines Angesichtes und das Durchbohrende seiner Rede!
28] Wahrlich, dieses Knäblein ist kein erdgeborenes! Es muß ja bei seiner Weisheit Feuer und Wasser zu bändigen verstehen!
29] Ich will ein Narr sein allezeit, wenn es nicht lange vor der Erschaffung der Welt ist geboren worden! Jehova wird es wissen, was für ein Mutterleib es getragen, und welcher Schoß es ernährt hat!
30] Wehe mir! Ich bin schon ein Narr; ich kam, um einen Schüler zu werben, und siehe, ich habe einen Lehrer gefunden, dessen Geiste ich nimmer nachzustreben vermag! O fühlet die Schande, Freunde, mit mir! Ein Greis ward von einem, Knäblein zum Narren gemacht, - das ist ja mein Tod!
31] Darum, o Joseph, hebe den Knaben von mir hinweg; denn er muß etwas Gewaltiges sein, entweder ein Gott oder ein Engel!«
32] Alle Anwesenden aber fingen nun an, den Lehrer zu trösten; denn er dauerte sie seiner großen Not wegen.


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