Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

281. Kapitel: Joseph nimmt das Kind mit aufs Land. Der kleine Jesus wird boshaft angerannt. Des Hirtenknaben arger Lohn. (17.08.1844)

01] Als also auf diese Weise das Haus Josephs wieder in Ordnung war, indem der Oberrichter über den Joseph keine Klage mehr annahm,
02] da ereignete es sich in acht Tagen darauf, daß Joseph in ein nahe liegendes Dorf gehen mußte, um dort eine Arbeit zu besuchen.
03] Da wollte das Kindlein mit dem Joseph gehen, und Joseph nahm Es auch übergerne mit.
04] Es hatten aber die Eltern des verdorrten Knaben einen starken Zorn auf Joseph und dessen Kind.
05] Joseph aber mußte, um ins Dorf zu gelangen, bei dem Hause der Eltern dieses Knaben vorüberziehen.
06] Als da Joseph mit dem Kindlein gegen das Haus zog, da ward er bemerkt
07] und der zornige Nachbar sagte zu einem seiner eben auch sehr mutwilligen Dienstbuben, der gewöhnlich die Schafe des Nachbarn hütete:
08] »Siehe, da kommt eben der Zimmermann mit seiner Pestilenzbrut den Fußsteig herauf!
09] Gehe, und laufe mit aller Kraft diesen Pfad hinab!
10] Und kommst du an den Knaben an der Seite des Zimmermanns, da stoße ihn mit aller Gewalt um, so daß er tot bleiben soll!
11] Sodann soll mich der alte Spitzbube anklagen, - und ich werde ihm dann das Gesetz zeigen, daß Kinder unter zwölf Jahren in weltlichen Dingen unzurechnungsfähig sind!«
12] Als der Hirtenknabe solches von seinem Herrn vernommen hatte und dieser ihm auch, im Falle er das Kind tötete, eine gute Belohnung verhieß,
13] rannte der Knabe plötzlich aus dem Zimmer und mit großer Hast dem Joseph entgegen.
14] In diesem Augenblicke sprach der verdorrte Sohn Annas im Bette zu seinem Vater:
15] »O siehe, wie schnell rennt der Hirtenknabe seinem Tode entgegen und welch eine Trauer wird das für seine Eltern sein!
16] O Vater, das hättest du nicht tun sollen! Denn ich sage dir, wie ich jetzt sehe: Joseph ist gerecht, und heilig sein Kind!«
17] Darauf ward der dörre Knabe still, und sein Vater dachte über dessen Worte nach.
18] Aber im Augenblicke gelangte der Hirtenknabe in aller Hitze an das Kindlein und stieß Es bedeutend an die Schulter.
19] Das Kindlein aber fiel nicht und sprach ganz erregt zum Hirtenknaben:
20] »Das tatest du des Lohnes wegen! Also ist ein jeder Arbeiter seines Lohnes wert, und - wie die Arbeit, so der Lohn!
21] Deine Arbeit war, Mich zu töten; nun, so sei denn auch der Tod dein Lohn!«
22] Hier sank der Hirtenknabe plötzlich zusammen und war tot.
23] Joseph aber erschrak darob sehr; aber das Kindlein sprach: »Joseph fürchte dich nicht ob Meiner; denn was hier einem Knaben geschah, das wird mit der ganzen Welt geschehen so sie uns stoßen will!« - Darauf zog Joseph weiter und ließ den toten Knaben nach des Kindleins Willen liegen.


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