Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

240. Kapitel: Der üble Beschluß der eifersüchtigen Gäste. Der große Brand in Ostrazine. (27.06.1844)

01] Es fragte aber ein Großbürger der Stadt Ostrazine, wie der Statthalter das meine:
02] »Warum soll darob dieses Haus sicher sein, da man - vielleicht irrwähnig - diesen alten Juden für einen Erzzauberer hält?«
03] Und Cyrenius sprach: »Weil der schwache Mensch da nichts vermag, wo der urewigen Gottheit Kraft ihre schützende Hand darüberhält.
04] Dieses Haus aber steht, wie keines mehr auf der weiten Erde, unter dem mächtigsten Schutze solcher Gottheit, also ist es auch unüberwindlich!
05] Leget eure Hand böswillig an dies Haus, und ihr werdet es sogleich erfahren, um welche Zeit es mit diesem ist!«
06] Hier stutzten alle die Gäste aus der Stadt und sagten zueinander:
07] »Der Statthalter will uns nur schrecken, weil er keine Macht bei sich hat.
08] Würden wir aber im Ernste unsere Hände an dies Haus und an seinen Leib legen, da möchte er sicher bald eine andere Sprache führen!
09] Lasset uns daher aufstehen vom Tische und in die Stadt ziehen, um von da gegen Abend wieder mit einer starken Macht hierherkommen,
10] und da werden wir sogleich sehen, ob der Statthalter noch eine solche Sprache führen wird!«
11] Darauf erhob sich bald die ganze Tischgesellschaft vom Tische und begab sich ins Freie.
12] Allda fingen die Bürger und der Oberste und der Stadthauptmann sich bei Cyrenius zu beurlauben und machten sich darauf auf den Weg in die Stadt.
13] Joseph aber ging zu den Fortgehenwollenden und sagte zu ihnen:
14] »Warum wollet ihr denn nun schon gehen, da die Sonne noch eine gute Stunde leuchten wird!
15] Bleibet hier bis zum Abend, und wir wollen dann alle den Cyrenius bis zu seinem Schiffe begleiten, wie es sich gebührt;
16] denn er reist noch heute in der Nacht nach Tyrus ab und wird darum auch heute noch sein Schiff ordnen und besteigen.«
17] Die also Angesprochenen aber entschuldigten sich und sagten: »Wir haben heute noch ein gar wichtiges Geschäft vor, daher entschuldige uns bei deinem intimsten Freunde!
18] Hier kam das Kindlein herbeigelaufen und sprach zu Joseph:
19] »Lasse sie nur ziehen in die Stadt; denn ihr Geschäft ist von einer Art, das zu Meiner Verherrlichung dient!«
20] Hier ließ sonach Joseph die Stadtgäste ziehen und ging mit dem Kindlein zu Cyrenius hin und erzählte ihm, wie diese sich entschuldigten, und was das Kindlein geredet hat.
21] Und Cyrenius sprach: »O mein erhabenster Bruder, diese Art kenne ich!
22] Sie ist eifersüchtig und weiß sich aus lauter innerer Galle nicht zu raten und zu helfen, weil ich dein Haus besuchte und sie im Stiche ließ;
23] aber ich bin darum sehr ruhig ob deiner; denn ich weiß es ja, in Wessen Schutz du dich befindest!«
24] Und das Kindlein sprach: »Oh, der dürre Weg soll ihnen heiß werden!
25] Sie wollen unser Haus heute noch zerstören, und das mit Feuer;
26] aber sie sollen nicht Zeit gewinnen dazu, denn sie werden daheim sogleich genug zu tun bekommen!«
27] Als das Kindlein noch kaum solche Worte ausgeredet hatte, da stand schon die halbe Stadt in Flammen, - und niemand dachte mehr an die Zerstörung des Hauses Josephs.


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