Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

236. Kapitel: Demütige und herzliche Rede der vier Brüder an das beschimpfte Kindlein. Dessen göttliche Antwort an Seine Brüder. (21.06.1844)

01] Und die vier Söhne Josephs kamen alsbald in das Speisezimmer des Joseph, fielen da auch sogleich auf ihre Knie nieder, bekannten ihre Schuld und baten dann den alten Vater Joseph um Vergebung.
02] Joseph vergab ihnen darauf und nahm sein Urteil zurück.
03] Darauf aber sagte er zu den vieren: »Ich habe es euch wohl verziehen;
04] aber ich war auch dabei der von euch am wenigsten Beleidigte.
05] Aber hier ist das Kindlein, von dem ihr mir zum größten Ärger aussagtet,
06] Es sei ganz verzärtelt und sei darum manchmal voll Kapricen, da Ihm dann nichts recht und gut genug wäre.
07] Dadurch habt ihr Es gröblichst beschimpft!
08] Gehet hin und bittet Es vorzugsweise um Vergebung, sonst kann es euch übel ergehen!«
09] Darauf gingen die vier hin vor das Kindlein und sprachen zu Ihm:
10] »O Du unser liebes Brüderchen! Siehe, wir haben Dich ungerecht beschimpft vor unserem Vater,
11] und haben dadurch ihn gröblichst erzürnt, daß er uns darob nahezu fluchen mußte.
12] Gar grob haben wir uns an Dir und dem guten Vater Joseph versündigt.
13] O wirst Du, liebes Brüderchen, uns wohl je solche unsere grobe Sünde vergehen können? Wirst Du uns wieder zu Deinen Brüdern erheben?«
14] Hier lächelte das Kindlein die vier Bittenden gar überaus freundlich an, streckte Seine zarten Arme aus und sprach mit Tränen in Seinen göttlichen Augen:
15] »O stehet auf, ihr Meine lieben Brüder, und kommet her, daß Ich euch küsse und segne!
16] Denn wahrlich, wer so wie ihr zu Mir kommt, dem solle vergeben sein und hätte er der Sünden mehr, denn da ist des Sandes im Meere und des Grases auf der Erde!
17] Wahrlich, wahrlich, eher noch als diese Erde gegründet war, habe Ich diese an euch schon geschaut und habe sie euch auch schon um gar vieles eher vergeben, als ihr noch waret.
18] O ihr, Meine lieben Brüder, seid ja in keiner Angst Meinetwegen; denn Ich habe ja euch alle so sehr lieb, daß Ich wohl aus Liebe zu euch einst sterben werde am Leibe!
19] Daher habet ja keine Angst vor Mir; denn wahrlich, so ihr Mir auch geflucht hättet, da hätte Ich euch aber dennoch nicht gerichtet, sondern hätte geweint ob der Härte eurer Herzen!
20] Kommet also her, ihr Meine lieben Brüder, auf daß Ich euch segne, darum ihr Mich ein wenig beschimpft habt!«
21] Diese endlose Güte des Kindleins brach den vieren das Herz, daß sie weinten wie kleine Kinder.
22] Auch die andere Tischgesellschaft ward so sehr gerührt, daß sie sich des Weinens nicht enthalten konnte.
23] Das Kindlein aber richtete Sich auf, ging Selbst zu den vieren hin und segnete und küßte sie und sagte dann zu ihnen:
24] Nun, liebe Brüder, werdet ihr es doch merken, daß Ich euch alles vergehen habe?
25] Ich bitte euch aber: Gehet nun in die Küche und bringet uns allen einen besseren Fisch!
26] Denn fürwahr, Ich bin noch recht hungrig und kann den Fisch aber dennoch nicht essen, den ihr ehedem für uns bereitet habt!«
27] Hier erhoben sich alsbald die vier, küßten das übergute Kindlein und eilten dann übergerührt in die Küche und bereiteten in der kürzesten Zeit einen allerbesten Fisch für den Tisch Josephs.


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