Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

233. Kapitel: Die Verlegenheit des Statthalters durch die Deputation; Cyrenius lädt die Deputation zum Mahle ein. Vom Fluche des Geldes. (18.06.1844)

01] Als aber auf diese Art das Haus Josephs auch mit Holz versehen war und die Söhne Josephs sich recht rüstig an die Bereitung des Mittagsmahles gemacht hatten,
02] da kam eine sehr glänzende Deputation aus der Stadt, um den obersten Statthalter zu begrüßen.
03] Denn diesmal erfuhr niemand in der Stadt etwas von der Anwesenheit des Cyrenius, weil er im strengsten Inkognito (Unerkanntheit) da sein wollte.
04] Aber man sah an dem Morgen die bekannte Dienerschaft in der Stadt, wie die Söhne Josephs, und vermutete darum die Gegenwart des Statthalters.
05] Daher versammelte man sich in der Stadt und kam in allem Glanze heraus, was aber Cyrenius diesmal sehr ungelegen kam.
06] Der Oberste und der schon bekannte Hauptmann waren natürlich an der Spitze einer zahlreichen Prozerität (vornehmen Gesellschaft) der Stadt Ostrazine.
07] Der Oberste entschuldigte sich über die Maßen, daß er es so spät und das nur durch einen glücklichen Zufall erfahren habe, daß Seine Kaiserliche Konsulische Hoheit diese Gegend mit Ihrer allerhöchsten Gegenwart beglückten.
08] Cyrenius aber kehrte sich fast um vor geheimem Arger über diesen für ihn höchst unzeitigen Besuch.
09] Aber er mußte nun dennoch zum bösen Spiele aus politischen Rücksichten eine gute Miene machen und erwiderte darum auch dem Begrüßer mit gleicher Wohlredenheit.
10] Endlich aber sagte er doch auch zum Obersten: »Lieber Freund, wir große Herren der Welt sind manchmal doch recht übel daran.
11] Ein gemeiner Mensch kann hingehen, wohin er nur immer will, und er bleibt im süßen Inkognito;
12] aber wir dürfen uns nur ein wenig über die Türschwelle erheben, und das Inkognito ist schon beim Plunder!
13] Ich nehme eure stattliche Begrüßung im Namen meines Bruders zwar recht herzlich gut auf;
14] aber es bleibt dabei, daß ich im strengsten Inkognito hier bin,
15] das heißt mit anderen Worten gesprochen: ,Dies mein Hiersein ist ein nicht-amtliches und darf unter gar keiner Bedingung nach Rom berichtet werden!'
16] So ich es erführe, daß es jemand gewagt hätte, nach Rom einen solchen Bericht zu erstatten, wahrlich dem sollte es nicht am besten ergehen! - Denn wohlgemerkt, ich bin im strengsten Inkognito für die Welt hier!
17] Warum? Das weiß ich, und niemand hat mich darum zu fragen.
18] Gehet aber nun heim und kleidet euch um, und kommet dann wieder heraus zum Mittagsmahle, das ungefähr drei Stunden vor dem Untergange stattfinden wird!«
19] Hier verbeugte sich die Deputation vor dem Statthalter und zog wieder ab.
20] Darauf trat Joseph zu Cyrenius hin und sagte:
21] »Siehe, das ist schon die erste Wirkung des Geldes, das du mir in so reichlichstem Maße zukommen ließest!
22] Deine Dienerschaft mußte mir dazu einen Kasten kaufen, ward da erkannt - und dein Hiersein verraten.
23] Wie ich doch immer sage: Am Golde und Silber liegt noch immer der alte Fluch Gottes!«
24] Das Kindlein aber, das dicht neben Joseph Sich befand, setzte lächelnd hinzu:
25] »Daher kann man dem stolzen Golde und dem hochmütigen Silber keinen größeren Schimpf antun, als so man es im gerechten Maße unter die Bettler austeilt.
26] Du, Mein lieber Joseph, aber tust das allezeit; daher wird dir der alte Fluch wenig schaden und also auch dem Cyrenius.
27] Oh, Mir ist es gar nicht bange um dieses Goldes willen; denn hier befindet es sich schon am rechten Platze!«
28] Diese Worte beruhigten wieder den Joseph wie den Cyrenius, und sie erwarteten darauf recht heiteren Mutes die geladenen Gäste.


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