Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

230. Kapitel: Des Cyrenius Dankbarkeit, Geschenk und Abschiedsrede. Cyrenius bleibt noch einen Tag. (14.06.1844)

01] Nach dieser kindlichen Szene aber ward auch das Morgenmahl beendet.
02] Und als Joseph das Dankgebet beendet hatte, da trat alsbald Cyrenius zu Joseph hin und sprach:
03] »Mein geliebtester Freund, deine Verdienste um mich wie selbst um meinen Bruder Julius Augustus Quirinus Cäsar in Rom sind von so entschiedener Art, daß ich sie dir nie werde lohnend (genug lohnend) entgelten können.
04] Aber dich ganz unbelohnt zu lassen, siehe, das ist mir allerreinst unmöglich!
05] Ich weiß aber, daß du von mir keine königliche Belohnung annimmst;
06] darum habe ich mich also bedacht: Du hast in diesem Jahre, wie es sich zeigt, eine magere Getreideernte zu erhoffen;
07] und dennoch ist dein Haus ziemlich bevölkert.
08] Neun Personen gehören ohnehin mir an, und ihr seid euer auch acht Köpfe; also in allem siebenzehn Köpfe.
09] Und es sagt mir nun mein Geist, daß deine Mehltruhen leer sind und also auch deine Speisekammer
10] daß es dir auch schon mit dem Futter für deine Kühe, Ziegen und Esel schlecht geht.
11] Siehe, das alles weiß ich sehr genau - wie auch, daß ihr fast nichts mehr anzuziehen habt.
12] Daher, du mein geliebtester Bruder, mußt du wenigstens soviel von mir annehmen, als dir vorderhand not tut.
13] Ich weiß zwar wohl, daß es im höchsten Grade lächerlich ist, so ein Erdenmensch sich vornähme, den Herrn der Unendlichkeit zu unterstützen, dem es ein leichtes ist, mit einem Worte Myriaden Welten zu erschaffen.
14] Ich weiß es aber auch nun, daß eben dieser heilige Herr der Unendlichkeit nicht stets Wunder wirken will wider Seine ewige Wunderordnung, weil damit immer ein Gericht für uns geschaffene Wesen verbunden ist.
15] Aus dem Grunde mußt du von mir wenigstens diesmal soviel annehmen, als es dir not tut,
16] und wirst mich diesmal nicht, wie sonst gewöhnlich, abweisen!«
17] Und Joseph sprach: »Ja Bruder diesmal möchtest du fast recht haben;
18] aber zuvor ich von dir etwas annehme, muß ich doch den Herrn fragen.«
19] Hier kam das Kindlein, das Sich schon bei Jakob befand, schnell herbei und sagte zu Joseph:
20] »Joseph, nehme nur an, was dir Cyrenius geben will, damit du das Haus dann mit Eßwaren versehen magst!«
21] Darauf willigte Joseph in den Antrag des Cyrenius.
22] Und dieser übergab Joseph sogleich eine Summe von tausend Pfunden Silbers und siebzig Pfunden Goldes.
23] Joseph dankte darum Cyrenius und nahm die schwere Summe an.
24] Cyrenius aber war darob überheiter und sagte: »Bruder, nun ist, mein Herz um tausend Zentner leichter! Aber heute ziehe ich noch nicht von hier, sondern morgen; denn meine zu große Liebe läßt mich nicht von hier.« Und Joseph freute sich darob sehr.


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