Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

227. Kapitel: Ein Liebeseiferstreit zwischen Joseph und Cyrenius. Josephs Uneigennützigkeit. Die rechten und die falschen Diener Gottes. (11.06.1844)

01] Als auf diese Art das Morgenmahl bereitet war und alle Gäste sich auf den Beinen befanden, da ging Joseph sogleich zu Cyrenius und fragte ihn, ob er schon bereit sei, das Morgenmahl zu nehmen.
02] Und Cyrenius sagte zu Joseph »O mein allererhabenster Freund und Bruder, ich bin freilich wohl bereit mit meiner ganzen Suite (Gefolgschaft);
03] aber ich weiß auch, daß du in deiner Speisekammer nicht einen solchen Vorrat hast, um mehrere Tag hindurch über hundert Menschen zu bewirten.
04] Daher werde ich für heute früh meine Dienerschaft in die Stadt senden, allda sie Eßwaren kaufen sollen für mich und dich!«
05] Als Joseph solches vernommen hatte, da sprach er:
06] »O lieber Freund und Bruder, das kannst du immerhin tun für dein Schiff;
07] aber für mich wäre eine solche Mühe wohl ganz rein vergeblich.
08] Denn siehe, fürs erste ist das Morgenmahl schon bereitet, und fürs zweite befindet sich in meiner Speisekammer noch so viel, daß ihr alle es in acht Tagen kaum aufzehren möchtet.
09] Darum sorge dich nur um mich nicht; denn wahrlich, ich bin bestens versorgt!«
10] Und Cyrenius sprach: »Wahrlich, wahrlich, wenn mir nichts anderes von deinem allerhöchsten Berufe Zeugnis gäbe, so gäbe es mir im vollsten Maße deine ganz unbegreifliche Uneigennützigkeit!
11] Ja, daran wird man allezeit die rechten und die falschen Diener Gottes genau voneinander unterscheiden:
12] Die rechten werden uneigennützig sein in hohem Grade, und die falschen werden sein gerade das Gegenteil;
13] denn die rechten dienen Gott im Herzen und haben auch da den allerhöchsten ewigen Lohn, -
14] die falschen aber dienen einem nach ihrer bösen Art gemodelten Gotte in der Welt der Welt wegen;
15] daher suchen sie auch den Lohn der Welt und lassen sich für jeden Schritt und Tritt gar unmäßig bezahlen.
16] Denn das weiß ich als ein geborener Heide am besten, wie sich die römischen Priester bis ins Indefinitum (Unbegrenzte) für jeden Schritt und Tritt bezahlen lassen.
17] Wahrlich, ich selbst habe für einen Rat einmal an den Oberpriester hundert Pfunde Goldes bezahlen müssen!
18] Frage: War das ein rechter Diener eines wahren Gottes?
19] Du aber hast mich nun schon bei drei Tage bewirtet, und welche Lehren habe ich in deinem Hause empfangen, - und du nimmst noch nichts an!
20] Nicht einmal für meine acht Kinder nimmst du etwas an! - Es wird daraus doch etwa einleuchtend sein, wie die echten und rechten Diener Gottes aussehen!?«
21] Joseph aber sprach: »Bruder rede nun nicht weiter davon, denn auch solche Rede ist zu viel für mich,
22] sondern setze dich zu Tisch und sogleich wird das Morgenmahl da sein!« Und Cyrenius befolgte sogleich den Wunsch Josephs und setzte sich zu Tisch.


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