Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

214. Kapitel: Der kreuztragende Jospheh. Des Kindleins Evangelium vom Kreuze. (24.05.1844)

01] Nach dieser himmlischen Mahlzeit auf dem kleinen Berge sagte Joseph zum Kindlein:
02] »Mein Herr und mein Gott! Ich armer, alter Greis bitte Dich, vergib mir, so ich Dich doch sicher beleidigt habe, und kehre wieder mit mir in das Haus zurück!
03] Denn ohne Dich kann ich nun nimmer zurückkehren; kehre ich aber ohne Dich zurück, so werden dann alle gar bitter wider mich ziehen und werden mich strafen mit harten Worten!«
04] Und das Kindlein sprach: »Ja, ja Ich gehe ja wohl mit dir; denn hier werde Ich nicht eine Wohnstätte aufrichten und verbleiben allda!
05] Aber eines verlange Ich von dir und das besteht darin, daß du diesen Meinen Tisch auf deine Achseln nimmst und ihn trägst vor Mir nach Hause.
06] Scheue aber nicht dessen Last, denn die wird dich wohl ein wenig drücken, aber nicht beugen und noch weniger schwächen!«
07] Auf diese Worte nahm Joseph das schöne Kreuz und Jakob die Überbleibsel von der Mahlzeit und traten also mit dem Kindlein in der Mitte den Rückweg an.
08] Nach einer Weile sprach Joseph zum Kindlein: »Höre Du, mein geliebtester Jesus, das Kreuz ist den doch rechtschwer! Können wir denn nicht ein wenig rasten?«
09] Und das Kindlein sprach: »Du hast schon größere Lasten als Zimmermann getragen, die Ich dir nicht auferlegt habe;
10] und siehe, da mochtest du dir keine Rast eher gönnen, als bis du die Last an ihren Ort befördert hattest!
11] Nun trägst du zum ersten Male nur eine kleine Last für Mich und willst dir schon nach tausend Schritten eine Rast nehmen?
12] O Joseph, trage, trage Meine leichte Last ohne Rast, so wirst du einst in Meinem Reiche den rechten Lohn finden!
13] Siehe, an diesem Kreuze wirst du Meine Bürde gewahr, und es wird dir durch seinen kleinen Druck sagen, was Ich auf der Welt dir bin!
14] Aber wenn du diese Welt in Meinen Armen verlassen wirst, dann wird dir dieses Kreuz zu einem feurigen Eliaswagen werden, in dem du seligst vor Mir aufwärts fahren wirst!«
15] Nach diesen Worten küßte der alte Joseph das ziemlich schwere Kreuz und trug es ohne Rast weiter;
16] und es kam ihm nimmer so schwer vor, so daß er es dann leicht ganz bis zur Villa brachte.
17] Es war aber bei der Villa alles in der größten Erwartung, und das voll großer Ängstlichkeit, von welcher Seite etwa Joseph mit dem Kindlein und mit dem Jakob zurückkommen möchte.
18] Als aber nun Maria, Cyrenius und die anderen endlich einmal der drei Kommenden ansichtig wurden, da war es aus!
19] Alles lief ihnen mit offenen Armen entgegen, und Maria erfaßte sogleich das Kindlein und herzte Es mit krampfhafter Liebe.
20] Cyrenius aber verwunderte sich über Joseph, wie dieser einen Galgen als das Symbol der höchsten Schande und Schmach da auf seinen Achseln nach Hause schleppen mochte.
21] Und das Kindlein auf den Armen der Mutter richtete Sich auf und sagte zu Cyrenius:
22] »Wahrlich, wahrlich, dieses Zeichen der größten Schmach wird zum Zeichen der höchsten Ehre werden!
23] Wenn du es nicht also tragen wirst Mir nach, wie es nun Joseph trägt, da wirst du nicht kommen in Mein Reich dereinst!« - Diese Worte brachten den Cyrenius zum Schweigen, und er fragte darauf nicht weiter über die Bürde Josephs.


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