Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

205. Kapitel: Die weinende Tullia. Des Kindleins tiefweise Worte über die mancherlei Tränen und über den Liebeneid Tullias. (13.05.1844)

01] Je länger aber nun die Tullia das Kleine auf den Armen hielt, desto mehr erkannte sie ihre Lebensfehler in sich und weinte darob sehr von Zeit zu Zeit.
02] Da richtete Sich das Kindlein auf und sprach zu Tullia: »Du Meine liebe Tullia! Das gefällt Mir schon wieder nicht von dir, daß du nun in einem fort weinst, da du Mich doch auf deinen Armen hast.
03] Sei nun heiter und fröhlich; denn Ich habe kein Wohlgefallen an den Tränen der Menschen, wenn sie da fallen, wo sie nicht vonnöten sind!
04] Meinst du etwa, deine Tränen werden reinigen dein Herz von aller Sünde vor Mir?
05] O siehe,das ist töricht! Die Tränen gleiten wohl über deine Wangen und trüben deine Augen, was dir schädlich ist sogar, -
06] aber übers Herz gleiten die Tränen nicht und reinigen es auch nicht; wohl aber machen sie es oft verschlossen, daß dann weder etwas Gutes noch etwas Böses in selbes eingehen kann.
07] Und siehe, das bringt dann auch den Tod dem Geiste, der im Herzen wohnt;
08] denn ein trauriger Mensch ist stets ein beleidigtes Wesen, und dieses Wesen ist für nichts aufnahmefähig.
09] Nur drei Tränen habe Ich in das Auge des Menschen gelegt, und diese sind: die Freudenträne, die Mitleidsträne und die Träne, die der Schmerz erpreßt.
10] Diese allein mag Ich sehen; aber die Trauerträne, die Reueträne und die Zornträne, die aus dem Mitleid mit sich selbst entsteht, sind Früchte des eigenen Grundes und Bodens und haben bei Mir einen geringen Wert.
11] Denn die Trauerträne entstammt einem beleidigten Gemüte und verlangt Ersatz; kommt dieser nicht, so wandelt sich ein solch Gemüt leicht in einen geheimen Zorn und endlich in ein Rachegefühl um.
12] Die Reueträne ist ähnlichen Ursprungs und kommt erst dann nach der Sünde zum Vorschein, so eben die Sünde eine wohltätige Züchtigung nach sich gezogen hat.
13] Dann aber ist sie keine Träne über die Sünde, sondern nur eine Träne ob der Züchtigung und darum auch über die Sünde, weil diese die Züchtigung zur Folge hatte.
14] Auch diese Träne bessert das Herz nicht; denn der Mensch flieht dann die Sünde nicht aus Liebe zu Mir, sondern aus Furcht vor der Strafe, und siehe, das ist ärger denn die Sünde selbst!
15] Was aber die Zornträne betrifft, so ist sie nicht wert, daß Ich von Ihr ein Wort spreche; denn diese ist ein Quellwasser aus dem Fundamente der Hölle.
16] Diese Träne aber befeuchtet wohl dein Auge nicht, sondern nur die Reueträne.
17] Ich aber sage dir: Trockne dir auch diese von deinen Augen; denn du siehst ja, daß Ich an ihr keine Freude habe!«
18] Hier wischte sich Tullia ihre Augen aus und sprach: »O Herr, wie endlos weise und gut bist Du doch!
19] O wie heiter und fröhlich könnte ich sein, wenn ich keine Sünderin wäre;
20] aber ich habe in Rom auf Geheiß des Kaisers einem Götzen des Volkes wegen geopfert, und diese Tat nagt wie ein böser Wurm an meinem Herzen!«
21] Und das Kindlein sagte: »Diese Sünde habe Ich dir schon eher vergeben, als du sie begangen hast.
22] Aber du warst Mir um die Liebe des Cyrenius neidisch: siehe, das war eine große Sünde! Ich aber habe dir nun alles vergeben, und du hast keine Sünde mehr, weil du Mich wieder liebst; daher aber sei fröhlich und heiter!«
23] Darauf ward Tullia, wie alle im Hause Josephs, voll Heiterkeit wieder, und alle begaben sich darauf zum Nachtmahle.


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