Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

131. Kapitel: Ein nahender Gewittersturm. Josephs Rat. Die Vorahnung und Flucht der Löwen nach dem Walde. (01.02.1844)

01] Es kamen aber die anderen, die sich ehedem nach allen Seiten der sehr gedehnten Fläche des Berges zerstreut hatten, mit ganz bekümmerten Gesichtern zurück.
02] Denn sie ersahen aus dem südwestlichen Teile Ägyptens sich gar mächtige schwarze Wolken erheben, die allzeit Vorläufer großer Stürme sind.
03] Nordöstlich gegen Ostrazine hin war freilich wohl alles rein; aber desto schauerlicher sah es über dem Gebirge, wie schon gesagt, südwestlich aus.
04] Diese Zurückgekommenen rieten daher zu einer schnellen Heimkehr.
05] Cyrenius aber sagte: »Wenn es an der rechten Zeit sein wird, werden uns schon diese mächtigen Weisen kundgeben;
06] solange sich aber diese ruhig verhalten, da wollen auch wir uns kein graues Haar wachsen lassen!«
07] Maronius und der Oberste sprachen aber: Du hast recht; aber gehe hin über diese kleine Anhöhe, und sieh, und du wirst sicher auch unserer Meinung sein!
08] Denn da sieht es ja aus, als wenn alle Furien auf einmal die Erde in den Brand gesteckt hätten!«
09] Cyrenius aber fragte den etwas schlummernden Joseph:
10] »Freund und Bruder, hast du vernommen, was diese da mir für eine warnende Nachricht gebracht haben?«
11] Und Joseph sprach: »Ich schlummerte und weiß kaum, wovon da unter euch die Rede war.«
12] Und Cyrenius sprach: »So erhebe dich, und gehe mit mir auf diese Anhöhe, und du wirst den Stoff unserer Rede sogleich entdecken!«
13] Und Joseph erhob sich und ging mit Cyrenius auf die Höhe.
14] Als sie da anlangten, zeigte Cyrenius dem Joseph sogleich das höchst drohende Aussehen des herannahenden Sturmes.
15] Und Joseph sprach: »Ja, was willst du da nun machen?
16] Fliehen? - Wohin? In einer Viertelstunde ist der Sturm längstens da!
17] Nach Ostrazine brauchen wir laufend anderthalb Stunden; bevor wir noch durch den oberen Teil der Gebirgswaldung kommen, hat uns der Sturm lange schon eingeholt!
18] Was dann in der unsicheren Schlucht, wenn uns einige Legionen von Bestien umringen werden, - was sie bei großen Stürmen gerne tun?!
19] Und wenn uns obendrauf noch reißende Wolkenbruchströme ereilen und uns schonungslos in die Tiefe mitreißen, - was machen wir dann?
20] Daher bleiben wir lieber hier auf der Höhe, da (wo) wir höchstens naß werden, während uns im Walde allerlei Ungemach zustoßen kann!«
21] Cyrenius war mit diesem Rate zufrieden und ging mit Joseph unter den Feigenbaum zurück.
22] Aber die Gesellschaft des Cyrenius machte dabei dennoch sehr bedenkliche Mienen, - besonders als sie die drei Löwen auf einmal aufspringen und die Flucht in die Wälder ergreifen sahen.
23] Und Maronius sprach zum Joseph selbst: »Siehe, die drei uns getreu gewordenen Bestien haben sicher im Vorgefühle für die Kalamität, die uns hier erwartet, die sie schützende Flucht ergriffen! Sollen wir nicht desgleichen tun?«
24] Joseph aber sprach: »Der Mensch hat nicht vom Tiere zu lernen, was er tun soll, sondern vom Herrn der Natur!
25] Ich aber bin der Meinung, daß ich klüger bin als das Tier; darum bleibe ich und werde den Sturm hier abwarten und nach demselben erst aufbrechen, - falls einer kommen wird!« Damit stellen sich nun alle zufrieden und bleiben, in banger Erwartung.


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