Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

111. Kapitel: Des Cyrenius Dank an das Kindlein. Des Kindleins Segensworte an das Brautpaar. Josephs Einladungsworte zum Hochzeitsmahl. Die Rückkehr des Cyrenius in die Stadt. Die Erzengel im Hause Joseph (09.01.1844)

01] Als Cyrenius mit der Tullia hinkam zur Eudokia, die noch das Kindlein auf dem Arme hielt, da sprach er zum Kindlein:
02] »O Du mein Leben, Du mein Alles! Dir allein danke ich dies mein großes, wunderbares Glück!
03] Ich tat nur etwas Weniges für Dich, und Du belohnst mich so unaussprechlich und machst mich zum glücklichsten Menschen der Erde!
04] O wie soll ich armer Sünder Dir je genug dafür danken können?«
05] Das Kindlein aber richtete Sich auf, hob Seine rechte Hand empor und sprach:
06] O Mein lieber Cyrenius Quirinus, Ich segne dich nun und dein Weib Tullia, auf daß ihr auf der Welt miteinander glücklich leben sollet!
07] Aber das sage Ich dir auch: Schätze dich im Glücke der Welt nie als zu glücklich, sondern halte die Welt samt ihrem Glücke für einen Schauplatz des Truges, so wirst du in der rechten Weisheit das Leben der Welt genießen!
08] Denn siehe, alles in der Welt ist gerade das Gegenteil von dem, als was es sich dir darstellt; die alleinige Liebe (die Liebe allein) nur, wenn sie aus des Herzens Grunde kommt, ist wahr und gerecht!
09] Wo du Leben ohne Liebe erblickst, da ist kein Leben, sondern der Tod;
10] wo du aber ob der Ruhe der wahren Liebe den Tod wähnst, da ist Leben zu Hause, und niemand kann dasselbe zerstören!
11] Du weißt es nicht, wie locker die Unterlage ist, auf der du stehst; Ich aber weiß es, darum sage Ich dir solches alles!
12] Grabe hier nur tausend Klafter tief, und du wirst einen mächtigen Abgrund vor dir haben, der dich verschlingen wird!
13] Also grabe nicht zu tief in die Welt hinein, und freue dich der Entdeckungen in der Tiefe der Welt nicht;
14] Denn wo immer jemand zu tief in die Welt hineingräbt, da auch bereitet er sich den eigenen Untergang.
15] Traue dem Punkte nicht, auf dem du stehst; denn er ist locker und kann dich verschlingen, so du ihn aufgräbst und machst eine Mine in den Boden!
16] Bedenke: alles auf der Welt kann dich töten, weil alles selbst in sich den Tod trägt, - nur die alleinige Liebe (die Liebe allein) nicht, so du sie bewahrst in ihrer Reinheit!
17] Mischst du sie aber mit weltlich Dingen, so wird sie schwer und kann dich auch töten, wie leiblich also auch geistig.
18] Bleibe sonach in der reinen, uneigennützigen Liebe, liebe den einen Gott als deinen Vater und Schöpfer über alles und die Menschen als deine Brüder wie dich selbst, so wirst du das ewige Leben haben in solcher deiner Liebe! Amen.«
19] Diese überweisen Worte des Kindleins flößten dem Cyrenius wie allen Anwesenden eine so tiefe Achtung ein, daß sie bebten am ganzen Leibe.
20] Joseph aber ging hin zum Cyrenius und sprach: »Bruder, fasse dich, und ziehe unter dem Segen dieses Hauses in die Stadt! Halte aber alles, was du hier hörtest und empfingst, vorderhand verborgen! Morgen aber komme und halte hier das Hochzeitsmahl!« Und Cyrenius begab sich sogleich in die Stadt mit der Tullia und mit seinem Gefolge.


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