Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

95. Kapitel: Die Aufnahme der Geheilten durch Joseph. Die romantische Geschichte des Weibes. Josephs Trostworte an die arme Waise. (16.12.1843)

01] Als das Weib alsbald erkannte, daß Joseph der Gemahl der Maria ist, da ging es hin und brachte ihm die Bitte vor, daß es in seinem Hause verbleiben dürfe.
02] Und Joseph sprach zum Weibe: »So dir solche Gnade widerfuhr, wie mir mein Weib kundgab in deiner Gegenwart, und du willst darum dankbar diesem Hause sein, so magst du wohl bleiben.
03] Denn siehe, ich habe hier einen ziemlich großen Grund und habe mehrere Haustiere und habe ein geräumiges Haus!
04] Und so wird es an der Beschäftigung nicht fehlen, und Raum zur Wohnung ist auch genug da.
05] Mein Weib ist ohnehin mehr von schwacher Beschaffenheit in ihrer Leibeskraft; daher wirst du mir einen guten Dienst erweisen, wenn du hier und da meinem Weibe in der häuslichen Arbeit helfen magst.
06] Für alle deine Bedürfnisse soll gesorgt sein; aber in Geld kann ich dir keinen Lohn geben, indem ich selbst keines habe.
07] Bist du mit diesem Antrage zufrieden, so magst du hier verbleiben nach deiner Lust, aber nicht aus irgendeiner vermeinten Pflicht!«
08] Diese Worte machten das Weib, das ohnehin eine ganz arme Waise war, überaus glücklich, und es lobte das Haus über die Maßen, in dem ihm so viel Gutes entgegenkam.
09] Joseph aber fragte es nach dem Geburtsorte und nach seinem Alter, und welcher Religion es wohl sei.
10] Und das Weib erwiderte: »Aller Ehre würdigster Mann, ich bin aus Rom gebürtig, bin die Tochter eines mächtigen Patriziers!
11] Mein ältliches Aussehen entspricht nicht meinem Alter; denn ich bin erst kaum zwanzig Sommer eine Bewohnerin der Erde.
12] Ich kam blind zur Welt; meinen Eltern aber riet ein Priester, sie sollten mich nach Delphi bringen, allda würde ich durch Apollos Erbarmung das Licht der Augen bekommen.
13] Als dieser Rat meinen Eltern gegeben ward, da war ich zehn Jahre und sieben Monate alt.
14] Meine Eltern, die sehr reich waren und mich als die einzige Tochter überaus liebten, befolgten diesen Rat.
15] Sie mieteten ein Schiff, um mit mir nach Delphi zu steuern.
16] Wir befanden uns aber kaum drei Tage auf dem Meere, da kam ein allergewaltigster Sturm und trieb das Schiff mit größter Schnelligkeit in diese Gegend.
17] Ungefähr zweihundert Klafter außerhalb des Ufers - wie es mir mein Lebensretter oft erzählte - ward das Schiff auf eine Klippe geschleudert,
18] und alles - bis auf mich und einen Matrosen, der mich gerettet hat - ging zugrunde, und somit auch meine guten Eltern.
19] Nimmer fand sich eine Gelegenheit, die mich in meine Vaterstadt zurückbrächte. Der Matrose starb auch hier, schon vor fünf Jahren, und ich bin nun eine von großer Not und Traurigkeit abgezehrte verwaiste Bettlerin in diesem Orte.
20] Doch da ich solch eine Gnade sicher bei den Göttern gefunden habe und habe meiner Augen Licht bekommen und nun sehen kann meine Wohltäter, so will ich ja gerne vergessen meine große Trübsal!«
21] Diese Erzählung des scheinbaren Weibes brachte alles zum Weinen; und Joseph sprach: »O du arme Waise, sei getröstet; denn hier sollst du deine Eltern vielfach wiederfinden!«


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