Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

88. Kapitel: Die goldene Morgenstunde. Joseph und seine Söhne auf dem Felde bei der Arbeit. Joels Tod durch den Biß einer giftigen Schlange. Die Heimkehr und der Schrecken zu Hause. Des Kindleins tröstende Worte. Die Erweckung der Toten. (07.12.1843)

01] Joseph behieß aber dann seine Söhne, daß sie ihr allfälliges Geschäft noch beenden sollten und darauf zur Ruhe gehen.
02] Er selbst aber, da er auch schon eine Müdigkeit in seinen Gliedern zu verspüren anfing, begab sich darauf sogleich zur Ruhe.
03] Also ward dieser Tag, der reich an Erscheinungen war, beschlossen. -
04] Am nächsten Tage aber war unser Joseph, wie gewöhnlich, schon eine geraume Zeit vor dem Aufgange der Sonne auf und weckte auch seine Söhne zur Arbeit.
05] Denn er sprach: »Golden ist die Morgenstunde; was wir in ihr tun, ist gesegneter als des ganzen folgenden Tages Mühe!«
06] Und so ging er mit Ausnahme des Jakob, welcher beim Kindlein verbleiben mußte, mit den älteren vier Söhnen alsbald hinaus auf einen Acker und bestellte ihn.
07] Der älteste Sohn aber arbeitete am fleißigsten und wollte den andern dreien vorkommen.
08] Siehe aber, als er so recht emsig mit dem Spaten in die Erde stach, da hob er auf einmal eine sehr giftige Schlange aus dem Boden!
09] Und die Schlange bewegte sich schnell gegen ihn und biß ihn in den Fuß.
10] Wohl eilten die drei jüngeren Brüder herbei und erschlugen die Schlange; aber dessenungeachtet schwoll der Fuß des Bruders zusehends. Ein Schwindel befiel ihn, und er sank bald in den Tod dahin.
11] Joseph und die drei jüngeren Brüder fingen an zu wehklagen und flehten zu Gott, daß Er ihnen doch den Joel wieder erwecken möchte.
12] Und Joseph verfluchte die Schlange und sagte zu den dreien: »Nun soll ewig nimmermehr eine Schlange diesen Boden bekriechen!
13] Hebet den Bruder aber auf, und traget ihn nach Hause; denn es muß also dem Herrn gefallen haben, daß Er mir den Stammhalter nahm!«
14] Und die drei Brüder erhoben weinend den Joel und trugen ihn nach Hause, und Joseph zerriß sein Gewand und folgte ihnen wehklagend.
15] Im Hause angelangt, kam, durch das Wehklagen erschreckt, ihnen alsbald Maria mit dem Kinde entgegen, und Jakob folgte ihr.
16] Beide aber stießen einen Jammerschrei aus, als sie den entseelten Joel und den Joseph mit zerrissenem Gewande erblickten.
17] Auch die drei Priester kamen alsbald herbei und erschraken nicht wenig über den Anblick des Leichnams.
18] Und einer sprach zum Joseph: »Nun erst glaube ich dir völlig, daß du auch nur ein Mensch bist; denn wärest du ein Gott, wie könnten da, deine Kinder sterben, und wie möchtest du sie nicht alsbald erwecken?«
19] Das Kindlein aber sprach: »Ihr irret euch alle! Joel ist wohl betäubt und schläft; aber tot ist er nicht!
20] Bringet eine Meerzwiebel her; leget sie ihm auf die Wunde, und es soll alsbald besser mit ihm werden!«
21] Eiligst brachte Jakob eine solche Zwiebel herbei und legte sie dem Joel auf die Wunde.
22] Und er kam in wenigen Augenblicken wieder zu sich und fragte alle, was denn mit ihm vorgefallen sei.
23] Die Umstehenden aber erzählten ihm alsbald alles und lobten und priesen Gott für die Rettung; die drei Priester aber bekamen eine große Achtung vor dem Kinde, - aber eine noch größere vor der Zwiebel.


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