Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

60. Kapitel: Des Cyrenius Grimm über Herodes und des Jesuskindes beruhigende Worte. Des Kindleins Frage: "Wer hat den längsten Arm?" Ein Dematerialisationswunder. (04.11.1843)

01] Als Cyrenius aber solches von Maronius Pilla vernommen hatte und den Ausspruch Josephs und des Kindleins, da entsetzte er sich förmlich und sprach:
02] »O ihr ewigen Mächte eines allerhöchsten Beherrschers der Unendlichkeit! Habt ihr denn keine Blitze mehr, um sie über dieses Scheusal von einem Vasallen Roms zu schleudern?!
03] »O Augustus Cäsar, mein guter Bruder! Welche Furie hat denn dir damals deine Augen geblendet, als du dieses Scheusal, diesen Auswurf aus dem untersten Tartarus, aus dem wahren Orkus, mit Palästina und Judäa belehntest?!
04] »Nein, nein, das ist zuviel auf einmal zu vernehmen! - Maronius, warum sagtest du mir damals nichts davon, als Herodes in Tyrus vor meinem Verhöre stand?
05] »Standrechtlich hätte ich ihm da augenblicklich das Medusenhaupt vom Rumpfe schlagen lassen,
06] »und lange schon stünde ein würdiger Vasall an der Stelle dieses Scheusals aus Griechenland!
07] »Was aber kann ich jetzt tun? Seine Buße hat er geleistet; ich kann ihm nun keine zweite auferlegen, darf ihn nicht weiter strafen!
08] »Warte aber, du alter Bluthund, du Hyäne aller Hyänen! Auf dich soll eine Jagd gemacht werden, von welcher es allen Furien noch nie etwas geträumt hat!«
09] Maronius, Joseph und Maria bebten vor dem Grimme des Cyrenius; denn sie wußten nicht, was alles der Cyrenius etwa unternehmen würde.
10] Auch getraute sich niemand, nun eine Frage an ihn zu stellen; denn zu aufgeregt war sein Gemüt.
11] Das Kindlein allein äußerte keine Furcht vor der gewaltigen Stimme des Cyrenius, sondern sah ihm stets ruhig ins Gesicht.
12] Und als sich des Cyrenius Sturm etwas gelegt hatte, da sprach auf einmal das Kindlein wieder ganz deutlich zu Cyrenius:
13] »O Cyrenius! Höre Mich an! Komm her zu Mir, nimm Mich auf deine Arme, und trage Mich hinaus ins Freie; dort werde Ich dir etwas zeigen!«
14] Diese Worte flossen wie Balsam auf das wunde Herz des Cyrenius, und er ging alsbald mit offenen Armen hin zum Kindlein, nahm Es voll Liebe gar sanft auf seine Arme und trug Es unter der Begleitung des Joseph und der Maria und des Maronius Pilla hinaus ins Freie.
15] Im Freien bald angelangt, fragte das Kindlein sogleich den Cyrenius mit deutlichen Worten:
16] »Cyrenius, wer von uns beiden hat denn wohl den längsten Arm? Miß den Meinen gegen den deinen!«
17] Den Cyrenius befremdete diese Frage, und er wußte nicht, was er darauf dem Kinde antworten sollte; denn er sah doch offenbar den seinigen für dreimal so lang an als beide des Kindes zusammengenommen.
18] Das Kindlein aber sprach wieder: »Cyrenius, du siehst deinen Arm für viel länger als den Meinen an;
19] »Ich aber sage dir, daß der Meinige dennoch um vieles länger ist als der deinige!
20] »Siehst du dort in tüchtiger Ferne von uns eine hohe Säule, geziert mit einem Götzen?
21] »Greife von hier mit deinem längeren Arme hin, reiße sie nieder und zermalme sie dann mit deinen Fingern!«
22] Cyrenius, noch betroffener als früher, aber sprach nach einer kurzen Pause: »O Kindlein, Du mein Leben, das ist außer Gott wohl niemandem möglich!«
23] Das Kindlein aber streckte Seinen Arm nach der Säule, die gut tausend Schritte entfernt stand, und die Säule stürzte nieder und ward alsbald zu Staub.
24] Und das Kindlein sprach darauf: »Also kümmere dich nicht vergeblich um den Herodes; denn Mein Arm langt ja weiter als der deinige! Herodes hat seinen Lohn; du aber vergib ihm, wie Ich ihm vergeben habe, so wirst du besser fahren! Den auch er ist ein blinder Erdensohn!« - Diese Worte nahmen dem Cyrenius allen Groll; und er fing an heimlich das Kind ganz förmlich anzubeten.


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