Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

57. Kapitel: Die Aufhebung der Speisetafel. Vernehmung des Maronius Pilla über die heilige Familie durch Cyrenius. Des Maronius Eingständnis seiner Notlüge. (31.10.1843)

01] ÿ Nach Beendigung der Mahlzeit, welche bei Cyrenius nie über zwei Stunden dauerte, begaben sich der Oberst und die Zenturionen wieder in die Stadt mit dem ausdrücklichen Befehle, ihm an diesem Tage keine Ehrenbezeugungen mehr zu erweisen.
02] Als sich sonach alle entfernt hatten, da nahm erst Cyrenius den Maronius sozusagen recht ad coram (an die Leine).
03] Er fragte ihn darum in der Gegenwart Josephs und der Maria, die wieder das Kindlein auf ihren Armen hatte:
04] »Maronius! Du hast mir in Tyrus, als ich dich verhört hatte nach dem Herodes, gesagt, und hast es mir förmlich beteuert, den gewissen biederen Zimmermann Joseph aus der Gegend von Nazareth persönlich zu kennen;
05] also (ebenso) auch eine gewisse Maria, die eben der Zimmermann aus dem Tempel zum Weibe oder bloß nur zur Obhut soll übernommen haben!
06] Gib mir daher ehen jetzt, da wir bei diesem meinem Gastwirte gute Muße haben, eine nähere Beschreibung davon!
07] Denn ich habe dieser Tage in Erfahrung gebracht, daß sich diese Familie im Ernste hier in Ägypten befinden soll und soll eine ganz andere sein als diejenige, die mir mein Bruder überantwortet hat, und die von mir aus sich noch in gutem Gewahrsam befindet.
08] Denn so viel Rechts- und Menschlichkeitsgefühl wirst du ja trotz der Herodianischen Greuelgenossenschaft haben, um anzuerkennen, daß es doch sicher höchst grausam wäre, unschuldige Menschen, woher sie auch immer sein mögen, ohne Not gefangenzuhalten!
09] Gib du mir daher eine sichere Beschreibung von dem berüchtigten Paare, auf daß ich es in dieser Gegend aufsuchen und gefangennehmen kann; denn das erfordern streng unsere Staatsgesetze!
10] Ich aber bin berechtigt, solches um so mehr von dir zu verlangen, weil du selbst es mir gestanden hast, diese Familie persönlich zu kennen, an deren richtiger Habhaftwerdung mir nun alles gelegen sein muß.«
11] Hier fing Maronius wieder ganz gewaltig an zu stutzen und wußte nicht, was er nun sagen solle, denn er hatte weder den Joseph, noch die Maria zuvor gesehen.
12] Nach einer Weile sagte er mit stotternder Stimme erst:
13] »Konsulische, kaiserliche Hoheit! Auf deine Güte und Nachsicht bauend, muß ich dir endlich beim Zeus und allen andern Göttern beteuern und eidlich bekennen, daß ich den besagten Joseph samt der gewissen Maria nicht im geringsten kenne!
14] Denn mein Bekenntnis in Tyrus war nur eine leere Ausflucht, da ich damals noch böswillig dich zu täuschen suchte.
15] Nun aber habe ich mich bei dir überzeugt, daß du durchaus nicht zu täuschen bist; so hat sich denn auch mein Wille geändert, und ich habe dir demnach die volle Wahrheit kundgetan!«
16] Hier winkte Cyrenius dem reden wollenden Joseph noch zu schweigen, und sagte zu Maronius:
17] »Ja, wenn ich so mit dir stehe, da werden wir uns schon noch etwas länger beschauen und besprechen müssen; denn nun erst erkenne ich dich als einen vollkommen staatsgefährlichen Menschen! Gib mir daher nun Rede und Antwort auf jegliche meiner Fragen eidlich!«


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