Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

43. Kapitel: Erwerb eines Landhauses durch Cyrenius für Josephs Familie (12.10.1843)

01] Des andern Tages am Morgen aber sandte Cyrenius sogleich einen Boten zum Obersten der Militärbesatzung und ließ ihm sagen, daß er sobald als tunlich, aber ohne all Gepränge, zu ihm kommen solle.
02] Und der Oberste kam zu Cyrenius und sprach: »Hoher Stellvertreter des großen Kaisers in Cölesyrien und oberster Kommandant von Tyrus und Sidon, laß mich vernehmen deinen Willen!«
03] Und Cyrenius sprach: »Mein geachtetster Oberster! Fürs erste wüsche ich, daß mir diesmal keine Ehrenbezeigungen erwiesen werden, denn ich bin inkognito (unerkannt) hier.
04] Fürs zweite aber möchte ich von dir erfahren, ob hier entweder in der Stadt selbst ein bescheidenes Wohnhaus oder wenigstens nicht ferne von der Stadt irgendeine Villa käuflich oder wenigstens mietlich haben ist.
05] Denn ich möchte für eine überaus hochschätzbarste, allerehrenwerteste jüdische Familie so etwas kaufen.
06] Denn diese Familie hat sich aus uns wohlbekannten Gründen aus Palästina, von dem sauberen Herodes verfolgt, flüchten müssen und sucht nun Schutz in unserer römischen Biederkeit und allzeitigen strengen Gerechtigkeit.
07] Ich habe alle Umstände dieser Familie genau untersucht und habe sie als höchst rein und gerecht befunden; daß sie aber unter solchen Umständen unter Herodes freilich wohl nicht bestehen kann, das ist ebenso gut begreiflich, als es begreiflich ist, daß dieses Scheusal von einem Vierfürsten Palästinas und einem Teile Judäas Roms größter Feind ist.
08] Ich meine, du verstehst mich, was ich dir damit sagen will! Daher also möchte ich für diese also benannte Familie allhier so etwas Kleines und Nutzbares ankaufen.
09] Wenn dir so etwas bekannt ist, so tue mir den Gefallen und zeige es mir an! Denn siehe, ich kann mich für diesmal nicht lange aufhalten, da wichtige Geschäfte meiner harren in Tyrus; daher muß alles noch heute in Ordnung gebracht werden!«
10] Und der Oberste sprach zu Cyrenius: Durchlauchtigster Herr! Da ist der Sache bald abgeholfen; ich selbst habe mir etwa eine halbe Meile außer (außerhalb) der Stadt eine recht nette Villa erbaut und habe da Obstgärten und drei schöne Kornäcker angelegt.
11] Mir aber bleibt zu wenig Zeit übrig, mich damit gehörig abgeben zu können. Sie ist mein vollkommenes Eigentum; wenn du sie haben willst, so ist sie mir um hundert Pfund samt Schutz und Schirm verkäuflich und kann als ein unbesteuertes Gut besessen werden.«
12] Als Cyrenius solches vernommen hatte, reichte er dem Obersten die Hand, ließ sich von seinen Dienern den Säckel bringen und zahlte dem Obersten die Villa sogleich noch ungesehen bar aus und ließ sich dann, ungesehen von Joseph, vom Obersten dahin geleiten, um da seinen Kauf zu besichtigen.
13] Als er die ihm überaus gut gefallende Villa besehen hatte, da befahl er sogleich seinen Dienern, in der Villa so lange zu verweilen, bis er mit der Familie zurückkommen werde.
14] Sodann begab er sich mit dem Obersten in die Stadt, ließ sich von ihm auf Pergament den Schutz- und Schirmbrief ausfolgen, empfahl sich dann beim Obersten und begab sich dann voll heimlicher Freude hin zu Joseph.
15] Dieser fragte ihn sogleich, sagend (Joseph): »Guter, lieber Freund, ich muß meinem Gott danken, daß er dich also gesegnet hat, daß du mir bisher so viel Freundschaft hast erweisen mögen!
16] Ich bin nun gerettet und habe hier für diese Nacht eine herrliche Unterkunft gehabt! Aber ich muß hier verbleiben; wie wird es in der Zukunft aussehen? Wo werde ich wohnen, wie mich fortbringen? Siehe, dafür muß ich mich sogleich umsehen!«
17] Und Cyrenius sagte: »Ganz wohl, mein allerachtbarster Mann und Freund! Laß daher deine Familie aufpacken deine Sachen, und ziehe dann sogleich mit Sack und Pack mit mir, und wir wollen einige hundert Schritte außer (außerhalb) der Stadt etwas aufsuchen, weil in der Stadt meiner Erkundigungen nach nichts zu haben ist! Das gefiel Joseph wohl, und er tat, was Cyrenius verlangte.


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