Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

39. Kapitel: Des Cyrenius Mäßigkeit im Essen und Trinken. Josephs Dankgebet und seine gute Wirkung auf Cyrenius. Josephs Worte vom Tode und ewigen Leben. Wesen und Wert der Gnade. (05.10.1843)

01] Obschon aber sonst die Römer an langdauernde Freßgelage gewöhnt waren, so war aber Cyrenius doch davon eine Ausnahme.
02] Wenn er dergleichen Gelage nicht dann und wann zur Ehrung des römischen Kaisers halten mußte, so war bei ihm die Mahlzeit nur kurz; denn er war einer derjenigen Philosophen, die da sagen: »Der Mensch lebt nicht, um zu essen, sondern er ißt nur, um zu leben, - und da zu braucht es nicht tagelang dauernder Freßgelage.«
03] Und so war denn auch die geheiligte Mahlzeit nur kurz und war bloß auf die nötige Stärkung des Leibes berechnet.
04] Nach der also kurzen Mahlzeit dankte Joseph dem Herrn für Speise und Trank und segnete dafür den Gastgeber.
05] Dieser aber (Cyrenius) ward darob sehr gerührt und sagte zu Joseph: »O wie hoch steht doch deine Religion über der meinigen! Um wie vieles stehst du der allmächtigen Gottheit näher denn ich!
06] Und um wie vieles bist du daher mehr Mensch, als ich es je werde werden können!«
07] Joseph aber erwiderte dem Cyrenius: »Edler Freund, du kümmerst dich um etwas, was dir der Herr soeben jetzt gegeben hat!
08] »Ich aber sage dir: Bleibe du, was du bist; in deinem Herzen aber allein nur vor Gott, dem ewigen Herrn, demütige dich und suche allen Menschen im geheimen Gutes zu tun und du bist Gott so nahe als meine Väter Abraham, Isaak und Jakob!
09] Siehe, in diesem Kinde hat dich ja der allmächtige Gott heimgesucht; du hast Ihn auf deinen Armen getragen! Was willst du noch mehr? Ich sage dir: Du bist gerettet vom ewigen Tode und wirst hinfort keinen Tod an dir mehr sehen, noch fühlen noch schmecken!«
10] Hier sprang Cyrenius vor Freude auf und sprach: »O Mann, - was sprichst du? Ich werde nicht sterben?
11] O sage mir, wie ist solches möglich? Denn siehe, bis jetzt ist noch kein Mensch vom Tode verschont geblieben! Sollte ich also wirklich in die Zahl der ewig lebendigen Götter aufgenommen werden, so, wie ich jetzt lebe?«
12] Joseph aber sprach: »Edler Freund, du hast mich nicht verstanden; ich aber will dir sagen, wie es an deinem irdischen Ende zugehen wird:
13] So du ohne diese Gnade gestorben wärest, da hätten schwere Krankheit, Schmerzen, Kummer und Verzweiflung deinen Geist und deine Seele samt dem Leibe getötet, und dir wäre nach diesem Tode nichts geblieben, als ein quälendes, dumpfes Bewußtsein deiner selbst.
14] In dem Falle glichest du jemandem, der da im eigenen Hause, welches über ihm zusammengestürzt ist, halb zu Tode verschüttet wurde und ward also beim lebendigen Leibe begraben und muß nun also den Tod fühlen und gar verzweifelt bitter schmecken, indem er sich nimmer zu helfen vermag.
15] Stirbst du aber nun in dieser Gnade Gottes, da wird nur dieser schwere Leib dir abgenommen werden, und du wirst erwachen zu einem ewigen vollkommensten Leben, in dem du nicht mehr fragen wirst: Wo ist mein irdischer Leib?
16] Und du wirst, so dich der Herr des Lebens rufen wird, nach deiner geistigen Freiheit selbst deinen Leib ausziehen können wie ein altes lästiges Gewand!«
17] Diese Worte machten auf den Cyrenius einen allermächtigsten Eindruck. Er fiel darob vor dem Kinde nieder und sprach: »O Herr der Himmel, so belasse mich denn in solcher Gnade!« Das Kind aber lächelte und hob ein Händchen über ihn.


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