Jakob Lorber: 'Kindheit und Jugend Jesu'

37. Kapitel: Des Cyrenius sanftmütigere Erklärung und Josephs Erwiderung. Die Ehre, der Schatz des Armen. Das Versöhnungsmahl. Guter Rat Josephs. Des Cyrenius bestrafte Neugier. Die Empfängnisgeschichte des Kindleins. Die Anbetung des Kindleins durch Cyrenius und die Bestätigung der Wahrheit.(02.10.1843)

01] Nach solcher Vornahme wandte sich Cyrenius wieder an den Joseph und sprach: »Guter Mann, du brauchst mir darum nicht gram zu werden; denn das wirst du mir denn doch zugeben, daß ich als Landpfleger wohl das Recht haben werde, jemandem auf den Zahn zu fühlen um zu sehen, wessen Geistes er ist!
02] »Daß ich aber dich davon nicht ausnehmen konnte - wie gern ich es auch sonst getan haben würde -, da brauchst du nur auf jenen verhängnisvollen Tisch hinzublicken, der seiner Zierde ledig geworden ist, und dir muß ja doch klar sein, daß man Menschen deiner Art etwas schärfer ansehen muß als nur solche, die da bedeutungslos gleich Tagesfliegen umherstreichen.
03] »Ich meine aber dadurch dir keine Beleidigung zugefügt zu haben, im Gegenteile nur eine Auszeichnung, indem ich dich also bedeutungsvoll ansah und redete zu dir, wie es sich für mich als Landpfleger gebührt.
04] Denn siehe, mir ist einzig und allein nur um die volle Wahrheit über deine Herkunft zu tun, weil ich dich für sehr bedeutungsvoll ansehe!
05] Und darum, stellte ich auch geflissentlich Zweifel über dich auf, damit du ganz vor mir auftreten solltest!
06] Deine Sprache aber hat mir gezeigt, daß du ein Mensch bist, an dem keine Täuschung haftet! Und so brauche ich weder eine zweite Nachricht von meinem Bruder, noch eine höhere Beglaubigungsurkunde von irgendwo andersher; denn ich sehe nun, daß du ein vollkommen ehrlicher Jude bist! - Sage, braucht es da noch mehr?«
07] Und Joseph sprach: »Freund, siehe, ich bin arm; du aber bist ein mächtiger Herr! Mein Reichtum ist meine Treue und Liebe zu meinem Gott und die vollste Ehrlichkeit gegen jedermann!
08] Du aber bist neben deiner Kaisertreue auch noch überreich an Gütern der Welt, die ich entbehre. Wenn jemand deiner Ehre zu nahe tritt, da bleiben dir dennoch aber die Güter der Welt
09] Was bleibt aber da mir, so ich die Ehre verliere? Mit Schätzen der Welt kannst du dir die Ehre erkaufen: womit aber werde ich sie erkaufen?
10] Darum wird der Arme ein Sklave, so er einmal seine Ehre und Freiheit vor dem Reichen verloren hat; hat er aber darüber irgend heimliche Schätze, so kann er sich Ehre und Freiheit wieder erkaufen.
11] Du aber hast mir gedroht, mich zu deinem Gefangenen zu machen; sage, hätte ich da nicht alle meine Ehre und Freiheit verloren?!
12] Und hatte ich da nicht recht, so ich mich davor verteidigte, indem ich doch von dir, dem Landpfleger Syriens und Mitpfleger der Küste zu Tyrus und Sidon, bin zur Rede gestellt worden?!«
13] Cyrenius aber sprach: »Guter Mann, nun bitte ich dich, - laß uns das Vorgefallene gänzlich vergessen!
14] Siehe, die Sonne steht dem Horizonte nahe! Meine Diener haben die Mahlzeit im Speisesaal bereitet; gehet daher mit mir, und stärket euch! Denn ich habe keine römischen, sondern eures Volkes Speisen zurichten lassen, die ihr essen dürfet! Daher folget mir ohne Gram auf mich, nun eurem Freund!«
15] Und Joseph folgte dem Cyrenius mit Maria und den fünf Söhnen in den Speisesaal und erstaunte über die Maßen über die unbeschreibliche reiche Pracht des Speisesaales selbst, wie über die Pracht der Tafelgeschirre, welche zumeist aus Gold, Silber und kostbaren Edelsteinen angefertigt waren.
16] Da aber die reichen Gefäße mit lauter heidnischen Götterfiguren geziert waren, da sprach Joseph zu dem Cyrenius:
17] »Freund, ich ersehe, daß da alle diese deine Tafelgefäße mit deinen Göttern geziert sind; du kennst da aber ja schon die ausgehende Kraft meines Kindes.
18] »Siehe, so ich mich mit meinem Weibe zu Tische hinsetze und mein Weib mit ihrem Kinde, so kommst du im Augenblick um alle deine reichen Geschirre und Gefäße!
19] »Daher rate ich dir, laß entweder ganz ungezierte Gefäße oder ganz gemeine tönerne aufsetzen, sonst stehe ich dir nicht für dein Gold und Silber!«
20] Als Cyrenius solches von Joseph vernommen hatte, da erschrak er und befolgte sogleich den Rat Josephs. Die Diener brachten alsbald in ganz glatten tönernen Gefäßen die Speisen und schafften die goldenen sogleich beiseite.
21] Es verlockte aber die Neugier dennoch den Cyrenius, dem Kinde einen herrlichen Goldpokal in die Nähe zu bringen, um sich zu überzeugen, ob des Kindes Nähe wohl auch aufs Gold so zerstörend einwirken werde, wie ehedem auf die erzenen Figuren.
22] Und Cyrenius mußte diese Neugier im Ernste mit dem plötzlichen Verluste des kostbaren Pokals auf eine Zeit bezahlen.
23] Nachdem er aber des Pokals ledig geworden war, erschrak er und stand da, als wäre er von einem elektrischen Schlage berührt worden.
24] Nach einer Weile erst sprach er: »Joseph, du großer Mann, du hast mir wohl geraten, darum danke ich dir!
25] »Ich selbst aber will verflucht sein, so ich eher von dieser Stelle weiche, als bis ich erfahre von dir, wer da dieses Kind ist, da ihm eine solche Kraft innewohnt!«
26] Hier wandte sich Joseph zum Cyrenius und erzählte ihm in aller Kürze die Empfangs- und Geburtsgeschichte des Kindes.
27] Und Cyrenius aber, als er solches von Joseph in festem Tone vernommen hatte, fiel alsbald vor dem Kinde nieder und betete Es an.
28] Und siehe, im Augenblick stand der zerstörte Pokal, aber ganz glatt auf dem Boden vor Cyrenius, von gleichem Gewichte; Cyrenius erhob sich und wußte sich nun vor Freude und Seligkeit nicht zu helfen.


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