Jakob Lorber: 'Himmelsgaben', Band 2


Von den kirchlichen Mysterien und Zeremonien (09.07.1847))

   00]O Herr, was sind denn so ganz eigentlich die »Geheimnisse«, mit denen besonders unsere römische Kirche so überaus vollgestopft ist und worauf sie sich viel zugute tut und sozusagen ihr Hauptansehen stützt?
   01] ,Geheimnisse' (Mysterien) sind nichts anderes als Nacht und Finsternis in eben den Dingen, die als ein Geheimnis betrachtet werden. Und so sind auch die (kirchlichen) ,Geheimnisse' die barste Blindheit der Seele und ein völliger Tod des Geistes.
   02] Und wieder sind die ,Geheimnisse' eine Bosheit! Denn die Menschen hüllen gewöhnlich das in Geheimnisse, womit sie sich nicht offen aus Licht getrauen, weil da die andern den Betrug erschauten und dann Rache nehmen möchten an den Betrügern - jeder Betrug aber ist eine allergröbste Sünde und somit eine größte Bosheit. Und somit ist ein ,Geheimnis', das da nichts ist als ein Betrug, auch eine barste Bosheit.«
   03] Weiter ist ein ,Geheimnis' auch ein Mörder und ein Totschläger! Denn nichts tötet den Geist so sehr, als eben die ,Geheimnisse'. - Daher sind sie denn auch geistige Räuber, Mörder und Totschläger. Denn über alles hat der Mensch mehr Mut als über ein Geheimnis - aus welchem Grund in der früheren Zeit auch der Aberglaube so ausgebreitet wurde, da niemand den Mut hatte, hinter die Augendecke Mosis zu greifen, um sich zu überzeugen, was denn so ganz eigentlich hinter derselben liegen könnte! Jeder betrachtete die ,Geheimnisse' als rein unerforschlich und blieb und bleibt dabei stehen, weil er am Ende nicht nur das Geheimnis, sondern auch dessen Enthüllung fürchtete und noch fürchtet.
   04] Jedes Geheimnis aber gebiert ein anderes, und das andere ein drittes, und das so fort, bis endlich alles ein ,Geheimnis' wird, das ganze Leben samt dem Tode. Um also die Menschheit geistig völlig zu töten, braucht man sie nur in recht viele und recht derbe Geheimnisse zu treiben, so kann man seiner Sache gewiß sein, natürlich von der höllischen Seite her.
   05] Aber in der Nacht ist es einträglich, auf den Raub auszugehen; im Trüben ist gut fischen. Die Blinden lassen sich leicht führen. Und die Toten kann man überhaupt tragen, wohin man will und sie sieden und braten noch oben darauf, und sie werden sich nicht rühren. Daher gibt es kein besseres Mittel als recht viele große ,Geheimnisse' und ein Volk ist auf ein Jahrtausend zerschlagen und läßt alles aus sich machen.


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