Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 3

Kapitelinhalt 246. Kapitel: Der Wassertempel. (16.03.1844)

   01] In einer ebenfalls gebirgigen Gegend, die bei zwei Tagereisen von Hanoch nordöstlich entfernt lag, ward dem Wassergotte ein Tempel erbaut. Wie aber, - das wird sogleich folgende kurzgefaßte Skizze zeigen!
   02] In der besagten Gegend, die von steilen Bergen ringsherum eingeschlossen war, befand sich ein sehr großer See, der einen Umfang von dreißig Meilen oder sechzig Stunden Weges hatte.
   03] In der Mitte dieses Sees war aber eine Insel, die einen Flächenraum von wenigstens vier Quadratmeilen hatte und voll Klippen und sonstiger kleiner, aber recht steiler Berge war, die da recht quellenreich waren, durch welche Quellen der mehr flache Teil dieser Insel recht gut bewässert und somit fruchtbar gemacht ward.
   04] Diese Insel hatten sich die Wassergötter ausgesucht und erbauten in der Mitte derselben eine sehr ansehnliche Burg, um die ein breiter Wassergraben gezogen war, der von hundert künstlichen Springquellen sein Wasser erhielt.
   05] In der Mitte dieser gerade viereckigen Burg war erst ein majestätischer offener Tempel erbaut, in dem sich ein in einer großen Muschel, die aus Stein gemeißelt war, stehender kolossaler Wasserdrache befand, der aber nicht aus Stein, sondern aus mit Gold legiertem (gemischtem) Kupferbleche kunstvoll gearbeitet war.
   06] Auf des Drachen Rücken ritt eine aus gleichem Materiale angefertigte, ebenfalls kolossale Mannsfigur, die, durch einen innern, ganz einfachen Mechanismus getrieben, fortwährend den Kopf hin und her drehte und die rechte Hand von Zeit zu Zeit in die Höhe hob.
   07] Sooft aber diese Figur die Hand in die Höhe hob, so oft auch schoß durch eine Röhre zuoberst des Runddaches über den Tempel ein mächtiger Wasserstrahl über zwölf Klafter hoch empor, was da natürlich ein fürs dumme Volk höchst wunderbar überraschendes Schauspektakel war.
   08] Es waren hier noch eine Menge anderer Wasserkunstwerke errichtet und die ganze Insel ward mit der Zeit mit allerlei Springquellen übersät; allein diese alle näher zu beschreiben, würde ein eigenes Buch vonnöten sein. Daher gehen wir zur Hauptsache über!
   09] Dem Wassergotte wurden in einem Jahre zwölf Feste geweiht. Und wer da irgendwo im Reiche Hanoch einen Brunnen grub, mußte zuvor dem Wassergotte opfern. Sooft sich einer wusch, mußte er des Wassergottes gedenken und alle sieben Tage ein kleines Opfer auf die Seite legen. Wer sich irgend badete, der mußte schon ein bedeutendes Opfer darbringen und mußte es dem allenfalls irgend vom Wassergotte aufgestellten Wasserwächter überreichen, - sonst durfte er auf kein Glück im Wasser rechnen!
   10] Also mußten auch die Wäscher die Schiffer und die Fischer und noch allerlei sich mit dem Wasser beschäftigende Leute dem Wassergotte opfern sonst erwartete sie ein unvorhergesehenes Ungemach, in das sie gewöhnlich von den Wassermeistern, die allenthalben bei den Gewässern aufgestellt waren, gebracht wurden.
   11] Damit sich aber alles Volk vom Hanochreiche zu solchen Opferungen willigst bekannte, so wurden - wie schon bemerkt - zwölf Feste auf dieser Insel abgehalten. Bei diesen Festen wimmelte es von allerlei Wasserfahrzeugen auf dem See; die Wallfahrer fuhren hin und her.
   12] Auf der Insel gab es auch eine Menge Gasthäuser, in denen die Gäste möglichst geprellt und geschnürt wurden; und für die priesterlichen Fischer und Schiffer dieses Sees gab es auch eine Menge Verdienste. Hin auf die Insel wurde zwar jedermann gratis geführt; aber desto mehr mußte er für die Rückfahrt bezahlen.
   13] Ich meine, mehr braucht man von dieser Scheußlichkeit nicht zu erfahren! Daher wollen wir nächstens wieder zu einer noch löblicheren übergehen!


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