Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 3

Kapitelinhalt 162. Kapitel: Ohlads gerechte Demut. Evangelium der rechten Demut. (15.11.1843)

   01] Als der Ohlad solche Rede von einem der zehn vernommen hatte, da ward er sogleich wieder anders gestimmt und sprach:
   02] »O Brüder, wenn also die Dinge stehen, da bin ich vollkommen bereit, nach eurem Willen tätig zu sein! Aber nur um eines werde ich euch dabei bitten, und das besteht darinnen:
   03] Wenn das Werk der Öffnung der Tempel vollbracht sein wird, dann lasset mich im Frieden von dannen ziehen, und setzet und stellet mich ja nicht etwa zu einer Art Priester der beiden Tempel auf; denn als solcher müßte ich notwendig ein gewisses Voransehen bei den anderen Menschen genießen und müßte bei ihnen in einer gewissen Vorgeltung und Vormacht stehen.
   04] Ich aber habe durch einen Verlauf von vierzig Jahren als mitherrschender Rat das Mehrsein vor den anderen Brüdern so sehr übersatt bekommen, daß ich nun ums allerunvergleichbarste lieber möchte irgend der Allerletzte sein, als nur in irgendeiner Vorgeltung und Vormacht stehen!
   05] Es ist wirklich ein elender Genuß, den Brüdern ein Gebieter zu sein und sich daran zu ergötzen, so die armen Brüder vor ihrem gebietenden Bruder zittern, der höchst selten nur zum Vorteile der Brüder, aber wohl desto öfter zum eigenen Wohle und zur Vermehrung seines Ansehens gebietet!
   06] Wie gesagt, ich will von einem weiteren, wie immer gearteten Vorgesetztsein nichts mehr hören und sehen; denn ich habe nun einen allerscheußlichsten Ekel an allem menschlichen Würdevorsein überkommen und freue mich überaus darauf, irgendwo der Allerletzte sein zu können.
   07] Darum erhöret, erhabene Brüder, im Namen des Herrn diese meine Bitte, und lasset mich - wie ich ehedem schon bedeutet habe - nach der Öffnung der Tempel im Frieden von dannen ziehen!«
   08] Und einer von den zehn sprach: »Siehe, Ohlad, die Flamme um den Tempel ist erloschen, und wir begeben uns zur Pforte und öffnen sie!
   09] Im Tempel aber wirst du schon ohnehin den Willen des Herrn vernehmen, und Dieser wird dir ohne unser Hinzutun allerklarst hinzu zu erkennen geben, was du zu tun hast - ob zu bleiben, oder dich hintanzubegeben!
   10] Willst du aber wahrhaft Gott wohlgefällig demütig sein, so mußt du das nach dem Willen Gottes, aber nie nach deinem eigenen Gutdünken sein! Denn bist du durch dein eigenes Vorhaben demütig, dann ist deine Demut ein Kind deiner Selbstliebe und somit zu nichts nütze und von keinem Werte vor Gott; denn hinter einer solchen Demut steckt allzeit eine verdienstlich scheinende Selbstzufriedenheit, ein Eigenlob und am Ende ein verkappter Hochmut!
   11] Sagst du aber zu allem und allzeit aus deinem Lebensgrunde: 'O Herr und Vater, Dein allein heiliger Wille geschehe jetzt wie ewig!', dann bist du wahrhaft demütig vor Gott, und deine Demut hat vor dem Herrn einen Wert!
   12] Wer sich nach seinem eigenen Willen noch so sehr erniedrigt, beachtet aber dabei den Willen Gottes nicht, so tut er im Grunde nichts anderes als der, welcher sich eigenmächtig zum Volksherrscher aufwirft!
   13] Nur wer seinen eigenen Willen gefangennimmt und dafür den rein göttlichen in sich geltend und herrschend macht, der ist Gott wohlgefällig und seine Demut ist gerecht vor dem Herrn.
   14] Besser ist es, ein Lump zu sein nach dem Willen des Herrn - als ein Held hinter des Herrn Rücken! Besser sich seiner eigenen Nichtigkeit und Nichtswürdigkeit allzeit gewärtig fühlen, als von seiner Tadellosigkeit überzeugt sein!
   15] Also ist es auch besser, ein Sünder zu sein aus eigenem reuigen Verschulden, als ein Gerechter zu sein auf eigene Rechnung!
   16] Denn der Herr sucht nur das Verlorene, stärkt das Schwache und heilt die Krankheit aus Seiner Erbarmung; aber ein Schuldner will Er ewig niemandem sein!
   17] Solches beachte nun im voraus wohl, bis dir der Herr im Tempel ein Näheres dartun wird, und folge uns zu der Pforte! Amen.«


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