Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 3

Kapitelinhalt 72. Kapitel: Die Schmerzfähigkeit des Leibes. Der Schmerz als Wohltäter und Schutzwächter des Lebens. Wie man ohne Schmerz leben kann. (06.07.1843)

   01] Als aber der Lamech solch eine neue Beheißung vom Herrn vernommen hatte, derzufolge er noch mit einer Frage kommen dürfe, obschon es im Osten schon ganz bedeutend zu tagen begonnen hatte, da ward er überfroh und brachte auch ohne vieles Entschließen folgende Frage zum Vorschein, sagend nämlich:
   02] »O Herr, Du heiliger und allerliebevollster Vater und Schöpfer aller Engel und Menschen! Siehe das Leben auf der Erde zur Probung des Geistes wäre an und für sich ja ganz seinem erhabenen Zwecke gemäß, wenn mit diesem Leben nur eine höchst unangenehme Sache nicht verbunden wäre; diese Sache aber ist die Fähigkeit für den entsetzlichen Schmerz!
   03] Warum muß denn dieser Leib schmerzfähig sein? Warum muß es mir einen Schmerz verursachen, so ich mich irgendwo anstoße, oder so ich irgendwo falle oder irgend mich schneide, kneipe oder steche? Warum müssen sich sogar öfters freie, überlästige Schmerzen im Leibe entwickeln? Warum muß mich das Feuer so unerträglich brennen, und warum muß das Weib unter so großem Schmerze gebären?
   04] Siehe, o Du lieber, heiliger Vater, das kann ich durchaus nicht billigen in der Sphäre des Lebens mit diesem meinem Erkennen und möchte darum den Grund dieser traurigen Erscheinung von Dir, dem Schöpfer, erfahren!
   05] Denn ich vermute mit großer Zuversicht, daß das Leben des Geistes völlig schmerzunfähig ist. Darum könnte ja wohl das Leben des Leibes ebenfalls auf eine gleiche Weise völlig schmerzunfähig sein! - Hab' ich recht oder nicht?
   06] Und der Herr, den Lamech ganz mitleidig ansehend, sagte zu ihm: »Höre, Mein Sohn Lamech, diesmal hast du auch nicht einmal den Schein der Wahrheit und des Rechtes auf deiner Seite!
   07] Sage Mir in deinem Gemüte: Wäre wohl irgendein Leben denkbar, welches da nicht empfänglich sein sollte für Eindrücke aller Art? So du keine Empfindung hättest, lebtest du dann?
   08] Ich setze aber den Fall, daß der Mensch allein nur alle Eindrücke als wohltuend empfände, etwa auf die Weise, wie den Akt der Zeugung. Würde sich da der Mensch nicht alsbald zerstören, indem er sich fortwährend stoßen, schlagen, stechen, schneiden und brennen würde, und ehe da verginge ein Jahr, wäre doch sicher vom ganzen Leibe kein Glied mehr vorrätig?!
   09] Ohne alle Empfindung - weder wohltuender, noch schmerzender Art aber ist nur der absolute Tod.
   10] Also ist der Schmerz ja des Lebens größter Wohltäter und allergetreuester Schutzwächter, ohne den das Leben auf gar keine sonstige Weise als bestandbar gedacht werden könnte.
   11] Zudem ist dir ja ohnehin ein schmerzloser Leib gegeben worden! So du ihn hältst nach Meiner Ordnung und bist aufmerksam im Liegen, Sitzen, Stehen, Gehen und Laufen, so wirst du dein Leben völlig schmerzlos durchbringen; und so du mäßig bist im Essen und Trinken, da wirst du auch verschont bleiben von innerem Wehe; und so du nicht zu sehr den Werken des Fleisches obliegst, da wirst du nie erfahren, was da ist ein Schmerz in den Gliedern!
   12] Der Schmerz aber ist ja das eigentlichste Attribut des Lebens, ohne das du keine Sinne hättest! Er ist die eigentliche Empfindung und die Wahrnehmung der Liebe; und so diese aus ihrer Ordnung gerät, so empfindet sie solches in der Art des Schmerzes, die Ordnung aber stets als ein überaus behagliches Gefühl.
   13] Wünsche dir daher den Schmerz nie hinweg; denn er ist deines Lebens treuester Wächter und wird einmal auch der Zusammenzieher und Sammler und völlige Retter des Lebens deines Geistes werden.
   14] Inwieweit aber auch die reinsten Geister schmerzunfähig sind oder nicht, das soll dir so geschwind als möglich ein Geist kundtun! Amen.«


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