Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 3

Kapitelinhalt 69. Kapitel: Das Leben des Geschöpfes als Teil des Lebens Gottes. Der Mensch als fixierter Gedanke Gottes. Die geheimnisvolle Frage der menschlichen Freiheit. (03.07.1843)

   01] Nach solcher Muteinsprechung von Seite des Herrn bekam der Lamech ein freies Gemüt und sagte darauf:
   02] »Ja, also ist es und wird es bleiben ewig wahr: Das Geschöpf kann nie ein ungeschaffener Gott, Gott aber ebensowenig je ein geschaffenes Geschöpf werden!
   03] Gott zwar lebt aus Sich ewig frei und das Geschöpf nur bedingt durch Gott und aus Gott; aber so einmal das Geschöpf da ist und lebt, so lebt es ja auch in seiner Art ein göttliches Leben, indem es doch ewig nirgends ein anderes Leben gibt als allein nur ein Leben aus Gott.
   04] So es aber ein Leben aus dem ewigen Leben Gottes ist, da kann es ja doch unmöglich selbst nicht anders als auch ewig sein
   05] Mein Leben kann also nur ein Teilchen aus dem ewig unendlichen Leben Gottes Selbst sein, sonst wäre es kein Leben; da es aber solch ein Teilchen ist, so ist es ja als solches gleich dem, von dem es ein Teilchen ist, also ewig, vor- und rückwärts betrachtet. Denn ich kann mir nicht denken, daß da in Deiner Lebensfülle ältere und jüngere Lebensteile sich vorfinden sollten!
   06] Mein Schluß ist nun der: Ich war, o Herr, ewig ein Leben in Dir, aber gebunden in Deiner endlosen Lebensfülle; Dir aber hat es in einer Periode wohlgefallen, dies mein Lebensteilchen frei aus Dir zu stellen, und so bin ich nun ein freigestelltes Lebensteilchen aus Dir für ewig, wie ich ehedem in Dir von ewig her als ein unfreies für sich, aber mit Deinem endlosen Leben völlig vereint freies Leben war!
   07] Herr und Vater, habe ich recht geurteilt, oder habe ich mich irgend geirrt?'
   08] Und der Herr sprach: »Nein, Lamech, diesmal ist dein Urteil vollkommen gut und wahr und richtig ausgefallen; dessen kannst du aus Meinem Munde nun völlig versichert sein!
   09] Es ist also, wie du es nun ausgesprochen hast, und so sind Ich und du schon von Ewigkeit her, - nur mit dem Unterschiede, demzufolge Ich die ewige Allheit, du aber nur ein Teilchen dieser unendlichen Allheit in und aus Mir bist.
   10] Denn das ist sicher doch richtig, daß da eines jeden Menschen Gedanken so alt sein müssen, als wie alt er selbst ist; aber es kommt da auf den Menschen an, wann er sie denkt oder gewisserart frei macht in seinem Gemüte.
   11] Wenn aber solches geschieht, darin hat sie der Mensch gewisserart geschaffen und geformt in, wie nicht selten auch werktätig aus und außer sich, und diese Gedanken stehen dann da wie freie Wesen, obschon sie noch immer an den Schöpfer gebunden sind, das heißt an den Menschen, der sie gedacht hat.
   12] Siehe, also ist es ja auch unter uns der Fall! Ich bin der Mensch der Menschen, und ihr Menschen seid alle samt und sämtlich Meine Gedanken, also Mein Leben, weil die Gedanken, die freien Gedanken, das eigentliche Leben in Mir sind ('sind' ist ergänzt, d. Hg.) also, wie sie in euch es sind, indem ihr alle völlig nach Meinem Maße geschaffen seid!
   13] Als Meine ewigen Gedanken aber könnet ihr ja unmöglich jünger sein als Ich Selbst; und so hast du, Lamech, wie gesagt, diesmal vollkommen richtig geurteilt!
   14] Das ist somit richtig; aber es waltet hier dennoch ein großes Geheimnis ob, und dieses kündet sich gar mächtig in der Frage: Wie und auf welche Art aber kann der Schöpfer Seine Gedanken als Seine ewigen Lebensteilchen aus Sich als vollkommene, freie, sich selbst bewußte (ihrer selbst bewußt) lebende Wesen hinausstellen also, daß sie sind, wie du nun bist vor Mir und kannst reden mit Mir, als wärest du ein zweiter ewiger Gott neben Mir?
   15] Lamech, siehe, bisher hast du Mich gefragt; jetzt aber frage Ich dich! Suche in dir eine Antwort auf diese Meine Frage; denn sie muß ja in dir liegen, so wie du doch sicher das Geschöpfliche in dir liegen hast! Denke nach, und antworte Mir dann! Amen.«


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