Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 3

Kapitelinhalt 67. Kapitel: Ursprung und Wesen des Bösen. (30.06.1843)

   01] Nach dieser überaus tief und lebendig belehrenden Rede des Herrn bekam der Lamech wieder Mut und sagte zum von ihm nun über alles geliebten Herrn:
   02] »O Herr und allerheiligster Vater, wenn es also ist, da will ich Dich ja fragen mein Leben lang, und es wird mir nicht mehr bange werden, so Du, um mich zu demütigen, mir noch so tiefe Antworten darüber erteilen möchtest!
   03] Und so habe ich denn nun auch schon wieder eine meines Erachtens gar tüchtige Frage in Bereitschaft! Willst Du, o Herr, sie vernehmen, da möchte ich sie sogleich losgeben!«
   04] Und der Herr sagte zu ihm ganz sanften Tones: »Warum willst du denn allzeit eine dreifache Erlaubnis, bevor du dich zu reden getraust?
   05] Ich sage dir, rede! Denn in Meiner Rede habe Ich es dir ja gesagt, daß du fragen kannst, um was du nur immer willst, und Ich werde dich darüber erleuchten! Wozu sollte da noch eine zweite und dritte Erlaubnis vonnöten sein?! Also rede, wie dir das Herz und die Zunge gewachsen ist!«
   06] Diese Worte öffneten dem Lamech völlig den Mund, und er kam sogleich mit folgender Frage zum Vorschein und sprach:
   07] »Herr, Du warst von Ewigkeit her vollkommen und endlos überaus gut in Deinem Sein, und das durch Dein ganzes Wesen, und außer Dir war ewig in Deiner ganzen Unendlichkeit nichts als nur Du allein.
   08] Als Du aber wolltest Engel, Himmel und Welten und Menschen erschaffen, da bedurftest Du keines Stoffes, sondern Dein allmächtiger Wille, verbunden mit Deinen allerweisesten, heilig-erhabensten Ideen und Gedanken, war allein allzeit und wird ewig sein der Grund Deiner ganzen unendlichen Schöpfung.
   09] Da ich mir aber doch unmöglich denken kann, daß in Dir je eine arge Idee oder gar irgendein nur dem Anscheine nach böser Gedanke stattgefunden hat, so möchte ich denn doch erfahren von Dir, woher denn so ganz eigentlich das Böse des Satans und somit auch das Arge und Schlimme in uns Menschen kam. Woher die Sünde, woher der Zorn, woher der Neid, woher die Rache, woher die Herrschsucht, und woher die Hurerei?«
   10] Und der Herr erwiderte darauf dem Lamech: »Mein lieber Lamech, diese deine Frage klingt zwar wie eine großartig weise; aber Ich sage dir: sie ist sehr menschlich!
   11] Ich will dir aber dennoch eine Antwort darauf geben und lösen deine Frage, obschon du heimlich meintest, Mir eine Frage dadurch zu geben, mit deren Beantwortung es Mir Selbst ein wenig bedenklich gehen möchte, und so höre denn:
   12] In Meinem Angesichtsbündel gibt es durchaus nichts Böses, sondern nur Unterschiede in der Wirkung Meines Willens; und dieser ist in der Hölle wie im Himmel, im Schaffen wie im Zerstören gleich gut.
   13] Aber im Angesichtsbündel der Geschöpfe ist nur eines als gut zu betrachten und zu stellen, das heißt: der Verhältnisteil der Bejahung allein nur ist als gut zu betrachten und zu stellen, unter dem das Geschöpf bestehen kann neben Mir und in Mir, und das ist der erhaltende oder stets schaffende Teil aus Mir, - der auflösende oder zerstörend herrschende mächtige Teil aber als böse im Anbetrachte des Geschöpfes, weil es im selben neben Mir und in Mir nicht als existierbar gedacht werden kann.
   14] In Mir also ist das Ja wie das Nein gleich gut; denn im Ja schaffe Ich, und im Nein ordne und leite Ich alles.
   15] Aber fürs Geschöpf ist nur das Ja gut und böse das Nein, und das so lange, bis es nicht völlig eins im Ja mit Mir geworden ist, allwo es dann auch im Nein wird bestehen können.
   16] Sonach gibt es für Mich keinen Satan und keine Hölle, - wohl aber im Anbetrachte seiner selbst und der Menschen dieser Erde, weil es sich hier um die Bildung Meiner Kinder handelt.
   17] Es gibt noch zahllose andere Welten, auf denen man den Satan nicht kennt und somit auch das Nein nicht sondern allein nur das Ja in seinen Verhältnissen.
   18] Siehe, so stehen die Dinge! Die Erde ist eine Kinderstube, und so gibt es auf ihr auch allzeit viel Geschrei und blinden Lärm; aber Ich schaue das mit anderen Augen als du, ein Mensch dieser Erde.
   19] Verstehst du solches? - Rede wieviel davon du verstehst! Amen.«


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