Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 3

Kapitelinhalt 56. Kapitel: Lamechs irrtümliche Auffassung vom Herzen über dem Tempel und seine Belehrung durch Gott. Wie und wo man Gott suchen soll. (13.06.1843)

   01] Nach diesen Worten des weisen Mannes dachte der Lamech aber darüber nach, wie er es denn anstellen müsse, um zu bekommen das Herz aus der Höhe auf den niederen Altar herab.
   02] Denn er verstand noch nicht die Worte des Weisen und meinte bei sich im Ernste, er werde am Ende aufs Dach steigen müssen, um vom selben allenfalls zu langen nach dem Herzen mit der Hand oder wohl gar, falls die Hand zu kurz sein sollte, mit einem auf einer verhältnismäßig langen Stange angebrachten Haken und es dann herabzuziehen, wie allenfalls einen Apfel vom Baume.
   03] Da aber der Weise solche Gedanken gar wohl merkte im Lamech, da sagte Er zu ihm: »Aber höre, du Lamech, der du so ganz erschöpft warst von Meiner Weisheit, und hast in Meinen Mund sogar Gottes Zunge gelegt, und das eben nicht mit Unrecht, sage Mir nun, wie es doch kommen mag, daß du Meiner Worte Weisheit gar so ärglich aufgefaßt haben konntest!
   04] Denn fürwahr, dümmer und materieller könnte das Geistige wohl kaum je aufgefaßt worden sein!
   05] Meinst du denn, das strahlende Herz über dem Tempel ist im Ernste etwa dein fleischlich Herz?
   06] O siehe, das fleischliche Herz in deinem Leibe können wir auf dem Altare hier durchaus nicht brauchen, und es ist dir zum naturmäßigen Leben überaus vonnöten; sondern nur das Herz deines Geistes, welches da ist die Liebe zu Gott in dir, können wir hier auf dem Altare brauchen!
   07] Dieses Herz aber läßt sich weder mit der fleischlichen Hand noch mit einer behakten Stange herabziehen, sondern allein nur mit der eigenen Kraft der Liebe, welche in ihr ist.
   08] Es ist aber das strahlende Herz über dem Tempel ja ohnehin nur eine Erscheinlichkeit, die bloß nur von der Sehe des Geistes erschaut werden kann, und besagt nichts anderes, als daß du einen endlos weit entfernten Gott liebst und Ihn suchst hinter allen Sternen; aber den dir allzeit nahen Gott magst du nicht erkennen und lieben!
   09] Es strahlt zwar dein Herz wohl von der reinen, stark entflammten Liebe zu Gott; aber du kannst aus solcher Liebe wenig oder gar keinen andern lebendigen Nutzen ziehen als höchstens, daß du in dessen gebrochenem Lichte in der sonstigen Nacht etwas besser siehst als sonsten in der gänzlichen Finsternis. Das ist aber dann schon auch alles, was du gewinnst.
   10] Es ist aber ja nur das Leben die Hauptsache, welches da ewig dauern soll, nicht aber das alleinige Licht des zeitlichen Lebens, welches Licht da mit seinem Leben vergeht.
   11] Darum muß das Herz des Geistes, oder deine Liebe zu Gott, dir am allernächsten stehen, das heißt, sie muß in dir sein. Du mußt Gott in dir suchen, erkennen und dann über alles lieben, so wirst du das ewige Leben haben; denn siehe, Gott allein ist ja das Leben und hat es also und gibt eben das Leben!
   12] Wenn aber solches doch eine ewige Wahrheit ist, da sage mir dann, was dir ein endlos weit entfernter Gott oder ein endlos weit entferntes Leben nützen kann!
   13] Du mußt das ewige Leben, welches da ist die ewige Liebe Gottes, ja nur in dir haben, so du leben willst, aber nicht hinter allen Sternen!
   14] Dabei ist aber noch gar wohl zu bemerken, daß dir der unendliche Gott nicht nützen kann, da du als ein endliches Wesen das eigentliche unendliche Wesen, Gott, durchaus ewig nie zu erfassen vermagst.
   15] Und darum hat Gott ja das menschliche Herz gemacht zur Wohnstätte für Sich, damit da niemand außer oder ohne Gott leben sollte.
   16] Siehe, die Sonne der Welt ist so ferne gestellt, daß sie ewig nie ein Mensch der Erde erreichen wird, und ist so groß gemacht, daß da ihr gegen über diese Erde, die du bewohnst, kaum als ein faustgroßer Spielball für ihre Kinder geachtet werden könnte, von ihrem Gesichtspunkte betrachtet!
   17] Sage mir aber, was würde dir diese große Sonne nützen, wenn du sie auch erreichen könntest mit deiner Hand, dein Auge und dein Leib aber nicht also geschaffen und eingerichtet wäre, daß du möchtest im überaus verjüngten Maßstabe die ganze Sonne in dir völlig aufnehmen?! - Siehe, da hättest du weder Wärme noch Licht aus ihr!
   18] Da aber von Gott dein Auge also gebaut ist, daß du die ganze Sonne übersehen und somit in dir aufnehmen kannst ihr ganzes lebendiges Bild, so kannst du dir auch völlig ihre Wärme und ihr Licht zinspflichtig machen; aber es erwärmt dich da nicht etwa die ferne, große Sonne, sondern die nur, die du trägst in dir!
   19] Also ist es auch der Fall um so mehr mit Gott, den du in Seiner Unendlichkeit unmöglich je erfassen kannst; ja Er ist also für dich so gut wie gar nicht vorhanden.
   20] Aber dieser unendliche Gott hat in dein geistig Herz Sein vollkommenes Ebenbild gelegt; dieses ist dein Leben und ist in dir.
   21] Deine mächtige Liebe zu Gott ist dieses dich belebende Ebenbild Gottes in dir; daher bleibe in dir, und hebe dieses Heiligtum nicht aus dir, sondern mache es fest in dir, so wirst du Gott haben stets wirkend in deiner sicher größten Nähe und wirst nicht nötig haben zu fragen: Hinter welchem Sterne wohnt Gott?', sondern du wirst erkennen in dir den eigenen heiligen Stern, hinter dem dein Gott wohnt und in dir schafft fortwährend - dir freilich noch unbewußt - das Leben.
   22] Also erwecke denn deine Liebe in dir zu einem dir nahen Gott, und dein Herz wird sich ohne Stange auf dem Altare befinden, und du wirst erkennen den nahen Gott und das Lob der gerechten Demut! Amen.«


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