Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 3

Kapitelinhalt 54. Kapitel: König Lamechs demütiges Selbstbekenntnis und seine Scheu, den Tempel zu betreten. Rede des Weisen über das Wort Gottes und über den göttlichen Geist des Menschen. Eintritt in den geweihten Tempel. (10.06.1843)

   01] Nach diesen Worten des weisen Mannes ging der Lamech, ohne etwas zu reden, wie ein Wonnetrunkener mit Henoch und dem weisen Manne hin in den Tempel, der da noch fortwährend von der weißen Wolke eingehüllt war.
   02] Als sie nun dort ankamen, getraute sich der unterwegs etwas nüchterner gewordene Lamech nicht, in den Tempel zu treten, obschon der Tempel von allen Seiten her ein vollkommen offener war, und sagte daher zu seinen beiden Freunden:
   03] »Höret, liebe Brüder und Freunde, ich erwache jetzt aus einem erhabenen Traume und erschaue nun mit vollkommen offenen Augen noch dasselbe, was ich ehedem nur in einem erhabenen Traume zu sehen meinte!
   04] Ihr saget aber, daß ich nun mit euch in den Tempel treten solle, - ich aber sage euch dagegen, daß ich solches nimmer vermag; denn zu heilig ist nun diese Stätte, da der Tempel errichtet ist, darum ich als ein zu gänzlich unheiliger Mensch sie mit meinen Füßen nimmer entheiligen mag.
   05] Euer Rat und euer Verlangen mag an und für sich überaus gut sein - denn ihr möget in eurer tiefen Weisheit wohl einsehen, was da irgend das Beste sein mag -, aber ich habe nun auch durch die endlos große Erbarmung des Herrn ein frommes und demütiges Herz überkommen, und dieses Herz sagt nun zu mir: 'Du bist noch lange nicht würdig, zu betreten die Stätte, in der sich sonderlich stark zeigt die Herrlichkeit des Herrn, welcher ist ein einiger, allmächtiger Gott, ewig heilig, heilig, heilig!' Und so muß ich ja auch dem guten Rate meines Herzens folgen!
   06] Ihr seid freilich wohl würdig, einzugehen in das Heiligtum Gottes, und könnet allzeit tun nach der geheimen Beheißung in euch - denn Gott der Herr hat euch berufen auf der Höhe, und nie noch hat eine Sünde euer Herz vor Gott entheiligt, indem ihr sicher allzeit frömmsten Gemütes vor den Augen des Herrn gewandelt seid -; aber nicht also steht es bei mir!
   07] Ich war noch allzeit ein allergrößterfrevelhafter Sünder vor Gott und bin darum noch lange nicht rein genug, um mit einem besseren Gewissen zu betreten solch eine heilige Stätte.
   08] Daher beredet mich diesmal ja nicht ferner, daß ich darob am Ende, genötigt durch die große Macht eurer himmlischen Weisheit, dennoch betreten müßte den zu mächtigst von Gott geheiligten Tempel!«
   09] Der weise Mann aber nahm den Lamech bei der Hand und sagte zu ihm: »Höre, du Mann voll Demut in deinem Herzen! Sind denn die Herzen der Brüder und Schwestern nicht mehr als dieser Tempel?! Und dennoch gingst du jetzt soeben durch gar viele mit uns hindurch! Wie denn mag es dich darum nun so ängstlich bedünken, in diesen Tempel zu treten, den Gott nur angehaucht hat, während Er doch mit Seiner ewig heiligen Liebe, Gnade und Erbarmung die Herzen der Brüder und Schwestern belebt hat?!
   10] Was aber ist wohl mehr: der Hauch aus dem Willen des Herrn, oder Sein wesenhaft lebendiges Wort, aus Seinem Herzen gegossen in die Herzen der Brüder und Schwestern?!
   11] Siehe, die Welten, die Sonnen und alle Dinge entstammen dem Willenshauche des Herrn; aber nicht also steht es mit dem Geiste des Menschen in seinem Herzen! Denn dieser ist ein wesenhafter Teil des ewigen wahrhaftigen Geistes Gottes, im Herzen Gottes wohnend und kommend aus demselben.
   12] Nun urteile selbst, ob es klug ist, zu unterlassen - aus großer, gerechter Demut wohl - das bei weitem Geringere, wenn man zuvor sich nicht im geringsten bedünkt hatte, zu tun das bei weitem Größere!
   13] Zudem wird es dir nicht bange, Mir zu reichen deine Hand, wie Ich dir gereicht habe die meinige, - und Ich bin, du kannst es mir glauben, mehr, denn da ist dieser Tempel samt der weißen Wolke und dem mächtig strahlenden Herzen oberhalb des Tempels und der weißen Wolke, welche den Tempel noch dicht umhüllt hält!
   14] Wenn sich aber dieses alles untrüglich also verhält, so magst du schon mit dem besten Gewissen von der Welt mit uns in den Tempel treten und allda vernehmen das, was dir verheißen ward!«
   15] Hier ermannte sich der Lamech und ging mit den beiden in den Tempel ganz wohlgemut und hatte keine Scheu mehr; aber der weise Mann blieb ihm noch unbekannt.


Home  |    Inhaltsverzeichnis  |   Werke Lorbers