Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 3

Kapitelinhalt 48. Kapitel: Demütigung eines unaufrichtigen, gafflustigen Kritikers. Die Tauglichkeit des Mundwortes zur Lüge. (29.05.1843)

   01] Und der ehemalige Kritiker bedachte sich eine kurze Zeit, ganz durchdrungen und zerknirscht von der Rede des Hauptredners, was er nun reden, erwidern oder welche Frage über irgendeine Dunkelheit in sich er so ganz eigentlich nun dem Hauptredner stellen solle.
   02] Und es fiel ihm plötzlich nach einem eben nicht zu langen Nachsinnen ein, daß der Lamech die Einweihung des Bergtempels vorhabe; darum sagte er denn auch zum Hauptredner:
   03] »Höre, du mein hochgeschätzter Freund und Bruder, ich bin von der tiefsten Wahrheit deiner an mich gerichteten Rede vollkommenst durchdrungen, erfüllt und klärlichst überzeugt, darum ich denn auch eine gar große Lust hätte, dich mit tausend und abermal tausend Fragen zu belästigen! Aber siehe, der Lamech hat noch am heutigen Tage die Einweihung des neuen Tempels auf dem Berge vor und macht Miene zum Aufstehen, und so wird sich vor dieser hochheiligen Handlung eben nicht zu viel mehr reden lassen; aber nach dieser Handlung will ich dich ganz und gar in Beschlag nehmen!«
   04] Der Hauptredner aber sagte darauf zum Kritiker: »Höre, Bruder und Freund, - sind denn wir mit unserm Gespräch dem Lamech im Wege zu seiner bevorhabenden (bevorstehenden) Handlung?
   05] Der Kritiker sprach: »Ja, es kommt hier meines Erachtens nur darauf an, daß wir entweder auch bei dieser Handlung dabeisein müssen, oder weil, wie ich merke, auch der Lamech, der Henoch und seine Begleiter aus der Höhe gar sehr auf deine Worte aufzupassen scheinen - wir halten damit den Lamech mit unserm Gerede auf!
   06] Das wären darum die Umstände, die meines Erachtens unsere Gesprächsfortsetzung hier etwas überflüssig zu machen scheinen, von mir betrachtet dir zur Antwort, weil du mich darum gefragt hast. Übrigens aber will ich damit durchaus keine feste Behauptung aufgestellt haben vor deiner großen Weisheit; denn du wirst der Sache sicher tiefer auf den Grund kommen als ich, indem du doch ums unberechenbare weiser bist denn ich. Bestimme daher auch du, was hier zu tun ist, und ich will mich fügen nach deiner Weisheit!«
   07] Und der Hauptredner erwiderte dem Kritiker: »ich meine aber also: Zur Tafel sind wir geladen worden und sind darum auch hierher gekommen; auf den Berg aber sind wir noch nicht geladen worden, und es ist uns auch nicht gesagt worden, was da nach der aufgehobenen Tafel geschehen soll. So haben wir auch mit der Einweihung des neuen Tempels auf dem Berge nichts zu tun!
   08] Lamech und der Henoch werden schon ohne uns wissen, was sie zu tun haben, oder was sie tun wollen, und werden sich von unserer Beredung keine Schranke setzen lassen! Wollen sie uns etwa auch mithaben, so werden sie uns solches schon kundgeben, und wir werden ihnen, redend unter uns, folgen; im entgegengesetzten Falle aber werden wir doch etwa tun können, was wir unter uns wollen?!
   09] Sage Mir, ist dieser Grund nicht richtiger und wirksamer als deine beanständlichen Bemerkungen? - Was meinst du darob nun?'
   10] Der Kritiker aber wußte nicht was er auf diese Frage erwidern sollte und fing an, darob sehr stark nachzudenken; denn er war sehr schaulustig, und es lag ihm daran, die Einweihung mit anzugaffen.
   11] Der Hauptredner aber merkte solches gar wohl und sagte darum zum verlegenen Kritiker: »Höre, Bruder und Freund! Ist es denn gar so schwer, in allen Dingen und Wendungen der Verhältnisse des Lebens aufrichtig zu sein?!
   12] Siehe, da liegt in dir und vor dir sonnenklar, für was das Mundwort am besten taugt! Die Tauglichkeit des Mundwortes spricht sich nirgends so brauchbar aus als eben in der Lüge!
   13] Du hast Mir Umstände angegeben, welche uns hindern sollten an unseren Unterredungen, die aber von dir ausgehend völlig erlogen sind; denn dich kümmert weder die Einweihung des Tempels noch die dazu bestimmte Zeit Lamechs, und ebensowenig seine Aufmerksamkeit, auf Meine Worte gerichtet, - sondern allein deine Gafflust kümmert es!
   14] Denn du möchtest schauen die Zeremonie; damit du aber von dieser deiner Lust nichts vergeben dürftest, so möchtest du, daß Ich darob schweigen solle. Ist es nicht also?!
   15] Welche Ehre für den Mann aber ist das wohl, so er hat ein weibisch Herz, das da ist voll geheimer Finten, vor denen Mich und jeden wahrhaft weisen Mann ekelt?!
   16] Ich aber sage dir: Bessere dich, und reinige dein Herz darum, damit es Mich nicht ekeln solle, noch ferner zu reden mit dir über Dinge, die da alle wichtiger sind denn die nicht viel sagende Einweihung des Tempels!«
   17] Diese Worte versetzten unserem Kritiker einen gewaltigen Stoß, und er fing an, sich ganz gewaltig zu schämen, daß er darob fliehen wollte; aber der Hauptredner hielt ihn ab von dieser flüchtigen Unternehmung.


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