Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 3

Kapitelinhalt 35. Kapitel: Henochs Zusammentreffen mit König Lamech. Die Gefahr der Menschenehrung. (10.05.1843)

   01] Als der Lamech der Ebene nun vollends in die Nähe des Henoch kam, da entblößte er sein Haupt und seine Brust und neigte sich dann bis zur Erde vor dem Henoch.
   02] Der Henoch aber ging sogleich auf ihn zu und sagte zu ihm: »Höre du, mein geliebtester Bruder Lamech, was der Herr für Sich weder von mir noch von dir verlangt, das unterlasse allzeit auch vor mir!
   03] Denn wenn ich zu dir komme, da komme ich nicht, daß du mich ehren solltest, als wäre ich ein zweiter Gott, sondern ich komme zu dir ja nur in der reinen Liebe des Herrn, der da ist vor uns allen ein allerliebevollster Vater, und komme als ein wahrer Bruder zu dir! Wozu demnach solche Ehrung, die zu nichts nütze ist?!
   04] Ich sage dir aber: Vermeiden wir gegenseitig solches, sonst werden wir selbst Schöpfer arger Geister (Zeiten) werden!
   05] Denn siehe, so du mich also ehrst, da ich doch auch um kein Haar mehr bin, als da ist ein jeder andere Mensch, so erhebst du mich über die anderen Menschen und demütigst diese vor mir, ihrem gleichen Bruder!
   06] Die Menschen werden sich wohl eine Zeitlang eine solche Demütigung gefallen lassen; aber dann wird einer um den andern zu fragen anfangen so im geheimen bei sich und wird sagen:
   07] ,Ist denn dieser und jener mehr Mensch, denn wir es sind? Warum läßt ihn Gott zu solchen Ehren kommen, daß wir uns vor ihm beugen müssen? Uns aber läßt Er in der schmählichsten ehrlosen Niedrigkeit!
   08] Wir wollen uns aber über ihn erheben und wollen ihm nehmen allen seinen eitlen Vorrang und ihn züchtigen für alle die vielen Ehrungen, die wir an ihm vergeudet haben! Er soll erfahren, daß er uns gleich auch nur ein Mensch ist!'
   09] Siehst du, mein geliebtester Bruder Lamech, das ist eine wahre Stimme der Natur des Menschen, welche, wenn sie sich einmal empört, schrecklicher ist als die blindeste Wut aller Tiger und Hyänen!
   10] Daher unterlassen wir gegenseitig allzeit das, darinnen ein so arger Same rastet, und die Erde wird unter unseren Tritten erblühen zu einem allerherrlichsten Eden Gottes!
   11] Im Gegenteile aber stampfen wir mit jedem Schritte und Tritte Schwerter und Spieße aus dem Boden der Erde, mit denen sich unsere späteren Nachkommen zu Tausenden und tausendmal Tausenden in der glühendsten Rache erwürgen werden.
   12] Wir alle haben nur einen Herrn, einen Gott, und einen Vater; wir unter uns aber sind lauter Brüder.
   13] So aber der Herr einen über Größeres setzt denn einen andern, so erhöht Er ihn dadurch nicht vor den Brüdern, sondern gibt ihm nur die Gelegenheit, an seinen Brüdern desto mehr Liebe üben zu können.
   14] Um aber Liebe zu üben an den Brüdern, bedarf man doch sicher der Ehrung nicht, da die Liebe eine Kraft ist, die das Gleiche stets nur zu vereinen strebt, aber das Ungleiche aussondert wie Spreu vom Weizen.
   15] Solches also beachte wohl, liebster Bruder Lamech, so wirst du in der vollkommenen Ordnung Gottes leben und wirst Gott allzeit angenehm sein!«
   16] Diese Worte Henochs machten auf den Lamech einen sehr großen Eindruck, und er faßte in sich nun ganz andere Pläne, als er sie bis jetzt gefaßt hatte; denn er gedachte so ein leises, besseres Kastenwesen einzuführen, welches bei Mir ein Gericht, ein Greuel der Greuel ist.
   17] Aber, wie gesagt, diese Rede Henochs hatte alle seine leisen Pläne geändert, darum er denn auch dem Henoch erwiderte:
   18] »O Bruder Henoch, mit welch einem Lichte hast du nun mein Herz erfüllt! Dem allmächtigen Herrn Himmels und der Erde sei denn auch ewig allein alle Ehre, aller Preis, aller Ruhm und alles Lob darum, daß Er die Menschen zu solch gleichen lieben Brüdern gemacht hat!«
   19] Hier blickte der Lamech etwas weiter vor sich hin und ersah in einer Entfernung von etwa dreihundert Schritten die kleine, dem Henoch folgende Schar - welche unterdessen etwas zurückblieb, während der Henoch allein zum gar zu demütigen Lamech voreilte - und fragte den Henoch:
   20] »Bruder, wer sind die dort, die dir folgen, wie es mir vorkommt, etwas ängstlichen Schrittes?'
   21] Und der Henoch sagte zum Lamech: »Liebster Bruder, laß hier deine Brüder; dann folge mir, und siehe, wie gnädig und gut der Herr ist!
   22] Komme und empfange die Deinen im Namen des Herrn! Amen.«


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