Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 3

Kapitelinhalt 6. Kapitel: Miras Beinahe-Tod aus Liebe. Ihre Wiederbelebung durch Gott. Ihre feurige Liebe und Gottes plötzliches Verschwinden. Die Wiederkehr Gottes und die Anrichtung des Mahles. (01.04.1843)

   01] Diese Worte hätten der Mira beinahe das Leben gekostet, so sie sich nicht vor dem Herrn des Lebens befunden hätte. Denn ihre lang verborgene Liebe zum Herrn kam nun zum völligen Ausbruche, und dieser Ausbruch war noch zu wenig vorbereitet; daher sank denn unsere Mira auch alsbald wie entseelt hin auf den Boden der Hütte.
   02] Aber der Herr rührte sie bald mit einem Finger an, und ein neues Leben fing an zu wallen durch das ganze Wesen der ehedem nahezu Entseelten.
   03] Es war aber solches gut und in Meiner Ordnung; denn also muß ein jeder eher (erst) der Welt völlig absterben, bevor er die Fülle der lebendigen Kraft und Macht Meiner Liebe in sich aufnehmen und dann ertragen kann!
   04] Als aber Mira, nun also wiedergeboren aus Meiner Liebe in ihr, wieder erstand, da weinte sie vor zu großer Liebe zu Mir und war nicht fähig, zu reden mit dem Munde, da ihr ganzes Wesen zu einem Worte war geworden, welches Wort aber jedoch in sich mehr sagt als alle Bücher der Welt; denn dieses gar endlos gewichtige Wort heißt die Liebe, das heißt die reine, wahre, lebendige Liebe zu Gott.
   05] Und eben in dieses Wort alles Wortes und aller Wörter ist das ganze Wesen der Mira übergegangen; daher weinte sie aus der Fülle dieses Wortes, und ihre herrlichen wie Diamanten schimmernden Tränen, mit denen sie Meine Füße benetzte, waren inhaltsschwerer als die größte Bibliothek der Welt.
   06] Wahrlich, sage Ich, also ist auch die Träne eines reuigen, Mich mit aller Liebe ergreifenden Sünders ein größeres Gut für ihn, als hätte er tausend Welten zum ewigen Genußgeschenke erhalten!
   07] Doch die Mira war nie eine Sünderin; also war auch ihre Liebe gleich einer Zentralsonnenglut und ihre Tränen waren Sonnen, wie sie den Planeten leuchten.
   08] Also in solcher Liebe erstand die Mira und blickte Mich, ihren heiligen, liebevollsten Vater, mit Augen an, die im Gegenteile außer Mir in diesem Momente auch niemand ertragen hätte denn sogar Mein Herz ward durch solch einen Anblick genötigt, sich etwas zurückzuziehen, und das aus dem allerweisesten Liebegrunde.
   09] Denn würde Ich Selbst da Meinem Herzen den ganz freien Spielraum gelassen haben, so hätte es die Mira mit der allerallmächtigsten Gegenflamme ergriffen und hätte sie als den ergriffenen Gegenstand der mächtigsten Liebe verzehrt.
   10] Aus dem Grunde verbarg Ich Mich denn auch auf eine kurze Zeit und begab Mich unterdessen zum Henoch, war da auch nur ihm allein sichtbar und gab ihm, was er reden solle zu den Weibern, damit sie Mich erkennen, aber dennoch nicht allzusehr erflammen sollten.
   11] Auch der Väter wegen entzog Ich Mich ein wenig ihren Blicken; denn auch in ihnen war die noch etwas unreife Liebe eben auch etwas zu heftig erflammt, in welcher Flamme sie Meine Sichtbarkeit nicht wohl ertragen hätten.
   12] Da Mich aber Meine heftigen Liebhaberinnen plötzlich unter sich vermißten, so legte sich ihr Liebeflammensturm, und sie sahen einander groß an, und eine fragte die andere: »Was ist denn das? Wo ist Er denn hin? Warum verschwand Er denn so unvorbereitet? Noch wollte Er uns von der Sonne etwas kundgeben, und nun, da unsere Herzen erglühten, verließ Er uns! Nein, das ist aber doch sonderbar! Während man Ihn so recht ergreifen möchte, da ist Er weg!«
   13] Die Mira aber sagte: »Mein Auge sieht Ihn auch nicht mehr; aber mein Herz ist von Ihm erfüllt, und das ist ja noch unendlichmal mehr, als ich, eine arme Sünderin vor Ihm, nur im allergeringsten Teile würdig bin!
   14] Wenn ich Ihn nur lieben kann und darf, das ist mir schon genug; denn das weiß ich ja ohnehin, daß Seine sichtbare Erscheinung nur eine notwendig seltene Gnade von Ihm ist.
   15] Denn würde Er gleich einem Menschen beständig sichtbar unter uns sein, so könnten wir ja vor lauter steigender Liebe zu Ihm uns am Ende sicher gar nicht mehr helfen oder würden uns endlich an Ihn so gewöhnen, daß Er uns dann ganz einem andern Menschen gleich vorkäme!
   16] Daher weiß Er schon, was da gut und recht ist, und geht zur rechten Zeit und kommt zur rechten Zeit!
   17] Hier trat der Herr wieder sichtbar in die Hütte und sagte zur Mira: »Richtig, du hast es völlig erraten: Er geht und kommt allzeit, wenn es gut ist! Daher ist Er auch schon wieder da wie ihr sehet!«
   18] Ein Schrei der lautesten Freude war der abermalige Empfang, und alle fielen Ihm zu Füßen.
   19] Er aber erhob sie alle alsbald wieder und setzte Sich mit ihnen wieder zum Tische und sagte zu der Purista: »Siehe auf dem Herde nach, was die Töpfe machen, und schüre das Feuer mehr auseinander, sonst wirkt es auf einem Punkte zu heftig und auf dem andern zu schwach! Denn so die Väter in die Hütte treten, muß die Mahlzeit fertig sein; daher tummle dich nur, Meine liebe Tochter!«
   20] Die Purista verfügte sich sogleich an den Herd und tat nach dem Gebote des Herrn. Da aber die Früchte schon sehr weich waren, zeigte sie es dem Herrn an.
   21] Und der Herr sagte zu ihr: »Nun gut so richte sie an, und die Mira soll den Vätern ansagen gehen, daß das Mahl bereitet ist, und sie darum hereintreten sollen! - Solches geschehe denn Amen.


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