Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 262. Kapitel: Der vom Herrn zurechtgewiesene Zweifler im Gespräch mit einem seiner Freunde.

   01] Nach dieser eindringlichen lebendigen Lehre machte unser Hauptredner eine tiefe Verbeugung vor dem Armen und begab sich alsogleich ganz schweigend zu seiner Gesellschaft zurück. Als er nun dort angelangte, wandte er sich alsbald an einen seiner Freunde und richtete folgende Frage an ihn, sagend nämlich:
   02] »Lieber Bruder! Sage es mir doch ganz aufrichtig: Glaubst du wohl ganz vollkommen ungezweifelt, daß jener arme Mann dort das allerhöchste göttliche Wesen Selbst ist?
   03] Sage mir: Wenn du so alle Umstände, alle Eigenschaften, welche zur reinen Göttlichkeit doch unerläßlich erforderlich sind, ganz völlig reiflichst erwägst, stoßen dir da keine Bedenklichkeiten auf?
   04] Es ist wahr: die Worte, die der Mann spricht, strotzen von tiefster Weisheit, und die Liebe ist überall der Grundzug derselben; aber so ich da neben wieder den ganz entsetzlich einfachen Menschen, aus dessen Munde solche herrlichen Worte kommen, so recht fest ins Auge fasse und zu mir sage: ,Soll das, kann das wohl Gott sein, Gott, der Unendliche, der Allmächtige der Ewige, o siehe, da sträubt sich mein Verstand dagegen allezeit!
   05] Darum möchte ich denn doch ein Urteil von dir hören in dieser überaus allerwichtigsten Angelegenheit! Glaubst du solches im Ernste, oder glaubst du solches nur aus reiner, auch allezeit zu billigender Politik? Solches also gib mir kund!«
   06] Der andere spricht zu unserem Hauptredner: »Höre, unser aller Freund und Bruder, du weißt es ja noch, daß ich vom Lamech darum ins Gefängnis bin geworfen worden, weil ich ihn durchaus nicht habe als einen Gott anerkennen wollen!'
   07] Siehe, damals haben ihn gar viele aus nicht reiner, sondern allerschmutzigster Politik als einen Gott anerkannt! Habe ich solches getan?
   08] Du sagst: ,Mitnichten!' Aber da ich jetzt die Gefängnisse verkostet habe, so dürfte es denn nun doch eine reine oder schmutzige Politik von meiner Seite sein, den armen Mann nach dem ausgesprochenen Willen Lamechs als den alleinig wahren Gott Himmels und der Erde anzuerkennen!
   09] O Bruder, ich sage dir: Und wenn der Lamech mir mit tausend Gefängnissen gedroht hätte, den Mann als einen Gott anzuerkennen, - wenn Er es nicht wäre, wahrlich, ich hätte es nimmer getan!
   10] Im Gegenteil, ich wäre allzeit eher aufgelegt, dem Lamech einen tausendfachen Trotz zu bieten, als ihm zu gehorchen; denn du weißt, wie er mir Weib und Kinder nahm und das Weib machte zu einer Sklavin und die Kinder an die Fürsten verkaufte um den schnödesten Sold!
   11] Höre, Bruder! Solch eine Wunde, dem Vater geschlagen und dem getreuen Gatten eines allerliebenswürdigsten Weibes, heilt das Gefängnis samt diesem Mahle nicht!
   12] Wenn du das so recht erwägst, da wirst du ganz entsetzlich wenig Politik bei mir entdecken!
   13] So ich aber den Mann ungezweifelt für den alleinig wahren Gott anerkenne und nun dem Lamech alle Unbill vergebend fest und lebendig glaube, daß es außer dem Gotte ewig keinen andern mehr gebe und geben kann, da kannst du wohl annehmen, daß ich einen ganz guten Grund dafür haben muß.
   14] Und dieser Grund ist eben der arme Mann Selbst! Lerne Ihn kennen mit deinem Herzen - und nicht mit dem Verstande -, und du wirst in dir selbst den unaussprechlichen Grund finden, der dir es selbst sagen wird:
   15] Siehe, dieser arme Mann ist der große, heilige, liebevollste, himmlische Vater aller Engel und Menschen Schöpfer aller Dinge, und alle Ewigkeiten und alle Unendlichkeit sind Seinem allerheiligsten und allermächtigsten Willen untertan!
   16] Und es bedürfte von Seiner göttlichen Seite nur des allerleisesten Winkes, und alle sichtbare Schöpfung wäre nicht mehr, oder tausend neue Sonnen brenneten am Firmamente!
   17] Siehe, also ist es und wird es bleiben ewig! Das ist nun mein Grund, und darum glaube ich es, weil die Liebe zu Ihm mir solches sagt und zeigt.
   18] Daher liebe Ihn auch du über alles, und du wirst alsbald das einsehen; denn der Vater will eher geliebt als erkannt sein. Das ist Sein Wille.
   19] Lieben doch die Kindlein auch eher ihre Eltern, bevor sie dieselben noch erkennen, und wir haben uns noch nie darüber beschwert, als wäre solches nicht in der Ordnung!
   20] Warum sollte es denn der allmächtige, göttliche Vater nicht mit uns also haben wollen? Er will es so; also tue es, Bruder! Ja, verstehe es wohl! Amen.«


Home  |    Inhaltsverzeichnis  |   Werke Lorbers