Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 260. Kapitel: Die Rede des geistig blinden Verstandeshelden.

   01] Nach dieser Rede begab sich die Gesellschaft allerehrerbietigst wieder an ihre früheren Plätze zurück.
   02] Der ehemalige Hauptredner aber begab sich dafür zum Herrn hin und sprach zu Ihm: »Siehe, ich bin hier vor dir, wie du mich hast durch meine Brüder berufen lassen; doch weiß ich kaum, warum du mich berufen hast!
   03] Ich will aber dennoch reden vor dir und will dir zeigen, was es ist, das mich abhält zu glauben, was nun meiner Bemerkung nach alle meine Freunde, Brüder und Schwestern glauben und sind darob auch sichtbar seligst zufolge des Glaubens an deine unmittelbare Göttlichkeit.
   04] Du bist doch also endlich und begrenzt, wie ich es bin, und kannst mit deiner Hand natürlicherweise sicher nicht weiter greifen als ich und kannst auch mit deinen Füßen sicher keinen weiteren Sprung tun als ich mit den meinen.
   05] Solches kannst weder du, noch jemand anderes mir streitig machen. Dazu bist du hier ganz gegenwärtig, und es fehlt an dir kein Teil deines Leibes und so auch sicher nicht deines Geistes.
   06] Ich will aber damit nicht etwa behaupten, als seiest du nicht das, als was dich der König oder nun der Führer (Fürst) Lamech bezeichnet hat, und was du nun überaus weise von dir selbst ausgesagt hast; aber nur möchte ich denn nun erfahren, wer denn so ganz eigentlich nun die ganze Schöpfung erhält, trägt und führt! Wer belebt das endlos große Erdreich, wer erzeugt die Winde, wer hält nun das endlos große Meer in seinen Schranken, wer schiebt nun die Fluten der Ströme vorwärts, wer unterstützt das natürliche Feuer der Berge, wer reift nun wohl die Saaten, und wer bewacht nun das Leben aller Wesen, während du, wie gesagt, dich nun ungeteilt unter uns befindest?
   07] Siehe, das ist für einen denkenden Menschen eine Frage von der größten Wichtigkeit; bevor diese nicht völlig berichtigt wird in mir, kann ich's immerhin nicht völlig annehmen, daß du im Ernste und zugleich in aller Fülle der Macht und Kraft der alleinige ewige Gott und Schöpfer und Erhalter aller Dinge bist.
   08] Es ist wahr, die Liebe des Herzens kann solches wohl tun, gleichwie es tun die Kinder, da sie ungezweifelt für wahr halten, daß die für sie sorgenden Menschen ihre Eltern sind; aber ist dadurch der Satz auch schon ganz allgemein richtig?
   09] Ich sage: Nein! Denn man gebe nur den Säugling aus dem Hause so hübsch weit weg in die Fremde, und zeige sich dann nach zwanzig Jahren ihm als der rechte Vater, und man wird sich als der Vater gar bald überzeugen, daß es mit der alleinigen Liebe etwas schwer halten wird, um dadurch dem Sohne die Vaterschaft zu erweisen, sondern man wird da müssen zu anderen Beweismitteln seine Zuflucht nehmen, durch welche der Sohn verstandesmäßig überzeugt wird, daß der sich ihm als Vater ankündigende Vater im Ernste sein wahrhaftiger Vater ist.
   10] Ist solches geschehen, so wird die Liebe im Sohne schon ohnehin den ersten Gefühls- und Lebensplatz gegen den Vater einnehmen; solange solches aber nicht geschieht, kann es dem Sohne abgeraten werden, den Vater eher als solchen zu lieben, als er ihn als solchen verstandesmäßig erkannt hat?
   11] Wahrlich wahr, es müßte dem Vater alle Einsicht völlig mangeln, so er das im Ernste verlangte von seinem Sohne!
   12] Siehe, du verlangst aber nun dasselbe von uns, und also auch von mir! Wie ist aber das mit deiner sonstigen Weisheit zu vereinbaren?
   13] Es glauben nun bis auf mich freilich wohl alle, daß du vollkommen wahrhaftig Gott bist von Ewigkeit aber siehe, das ist ein schwacher Glaube, den nur des Lamech und deine eigene weise Beredung zuwege gebracht hat, und der daher auch so leicht wieder verrauchen wird, wie er entstanden ist, und das Volk wird bald wieder in großer Finsternis wandeln und wird sich Gottes Gericht über den Hals ziehen.
   14] Denn so diese eingeredete Liebe gar leicht und gar bald erkalten wird, da wird auch der schwache Glaube mit zugrunde gehen.
   15] Wenn wir aber durch unser Verständnis dich zu erkennen vermögen und das natürlich ganz ungezweifelt also, als wir einsehen, daß da eins und eins zwei sind -, so wird sich die Liebe von selbst geben und wird sich fortan unvergänglich erhalten müssen so wie die unumstößlich wahre Grundrechnung, und Gott wird nie vonnöten haben, Seine Völker zu richten, sondern sie nur stets zu beglücken.
   16] Beantworte mir daher meine Frage, und ich will dir ungezweifelt glauben; beantwortest du sie mir aber nicht, so bleibe ich, wie ich bin, und bleibe beim Gott Faraks!«


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