Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 258. Kapitel: Beratung der Zweifler. Die weisheitstiefe Liebesrede des einen Zweiflers, der an der Brust des Armen Gott erkennt.

   01] Nach diesen Worten des Herrn ward unsere ungläubige Gesellschaft sehr betroffen, und ein jeder beriet sich mit seinem Nachbar, wie da zu nehmen wären die Worte des armen Mannes:
   02] »Soll man ihn im Ernste für das ehern (unbedingt) wahrste allerhöchste Wesen halten, oder soll man ihn noch weiter fragen, wie sich's verhalte mit seiner Natur?
   03] Und sollte er doch etwa wirklich das sein, was er von sich aussagt, und was so ganz eigentlich am bestimmtesten der König von ihm auf dem Throne ausgesagt hat, da könnte er uns ja wohl ein Zeichen geben, durch welches wir ihn unfehlbar und völlig ungezweifelt erkennen müßten!
   04] Denn was seiner Rede Weisheit betrifft, so ist sie wohl freilich für unsere Begriffe über alle Maßen hoch und überaus erhaben groß; aber lassen wir einen andern aus der Höhe reden, so wird das vollkommen derselbe Fall sein, - denn auch diese werden also reden, daß wir von ihrer Rede eben nicht zu viel fassen werden!«
   05] Einer aus der Gesellschaft sagte zu den sich untereinander Beratenden: »Brüder, höret, mir ist jetzt ein köstlich guter Gedanke geworden! Was sollen wir denn tun, und was soll geschehen? Was wollen wir denn erfahren? Sehet, um das dreht sich unsere ganze Beratung! Ich aber habe dafür eben einen guten Gedanken.
   06] Wir möchten von diesem Manne ein Zeichen, auf daß wir glaubten, daß er im Ernste das sei, was zu sein der König von ihm ausgesagt hat.
   07] Fragen wir uns aber, welch ein Zeichen uns denn der große Farak zum Bürgen der Wahrheit seiner Lehre gab!
   08] Meines Wissens kein anderes als eben nur die erhabene Lehre selbst; und dennoch glaubten wir seiner Lehre und dachten dabei nicht nach, inwiefern sie wahr oder unwahr sein dürfte!
   09] Wie verlangen wir denn hier ein Zeichen zur Bekräftigung unseres Glaubens, um ihn auszutauschen für das Unbegreifliche der Lehre Faraks gegen das sehr Begreifliche der Lehre dieses Mannes, der nicht einmal einen Glauben fordert, sondern nur mit gar sanften, wennschon endlos weisen Worten spricht: glaubet Mir nicht, sondern liebet Mich als den alleinig wahren Vater, so wird die Flamme der Liebe euch zu einer hellsten Leuchte werden, und ihr werdet es dann in euren Herzen überklar erschauen, ob Ich das bin, als was zu sein Mich der Lamech vor euch verkündigt hat!'? Was wollen wir denn noch mehr?!
   10] Ich weiß aber nur zu gut, daß zwei Menschen sich gegenseitig nie eher völlig erkennen, als bis sie sich völlig als wahrhaftige Brüder und somit auch als allerintimste Freunde zu lieben anfangen. Wer mag ein Weib erkennen, wenn er es nicht liebt und es ihn nicht liebt?!
   11] Fürwahr, wer da behaupten möchte und sagen: ,Ich bin zufolge meines hellen Verstandes ein Menschenkenner, und der Weiber Schlauheit steht offen vor mir!', dem sage ich, daß er ein großer Lügner ist!
   12] So wir aber sehen, daß da mit der Liebe gegen unsere Brüder und Schwestern es niemals gefehlt war und auch niemals gefehlt sein wird, so sehe ich es wahrlich nicht ein, warum es mit der Liebe gegen Gott gefehlt sein sollte!
   13] Und was da diesen armen Mann betrifft, so muß ich euch offenbar gestehen: Ich liebe ihn ganz über alle Maßen schon; denn ein Mensch mit solch einer Weisheit ist ewig nicht arm. Wenn er aber selbst, durch seine Liebe genötigt, alles hergab, was er hatte, wer sollte solch eine Liebe nicht wieder lieben?!
   14] Ich aber meine nun also: Er ist ein liebevollster, weiser Mann, ein herrlichster Bruder, - ja, er ist ein Mann voll Bruder- und voll höchster, echter Vaterliebe; also sollen wir ihn auch also lieben, wie wir ihn erkennen!
   15] Ob er Gott oder nicht Gott ist an und für sich, solches zu beurteilen liegt nun noch stark außerhalb der Sphäre unserer Fähigkeit; daß er aber wahrhaft Göttliches in sich birgt, das liegt in seinem ganzen Wesen und in jeglichem seiner Worte!
   16] Und somit will ich denn auch der erste sein, der sich ihm mit einem stark lodernden Herzen nahen wird und sich soeben schon naht!«
   17] Hier trat dieser Redner hin zum Herrn und sagte zu Ihm: »Allerliebster Bruder, voll göttlicher Weisheit und voll der wahrsten väterlichen Liebe! Sei du, wer und was du nur immer wollest, ich liebe dich einmal, da ich dich aller Liebe würdigst gefunden habe, und ich weiß es ja nur zu gut, daß mit solch einer wahrsten Liebe es auch bei dir nicht gefehlt sein wird!«
   18] Hier umarmte er den Herrn und drückte Ihn an sein Herz.
   19] Der Herr aber sagte zu ihm: »Jetzt hast du das ewige Leben umfangen; deine Liebe werde dir ein helles Licht! Amen.«
   20] Hier fing der Redner an zu seufzen und sprach zu seinen Brüdern: ,Hierher, hierher kommet! O Brüder, wahrlich, wahrlich, hier ist mehr als nur ein Mensch! Hier ist wahrhaftig der Vater!«


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