Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 248. Kapitel: Sammlung der Gäste im Thronsaal. Die wunderbaren Tafelfrüchte. Sitz und Ursprung des Bösen im menschlichen Herzen.

   01] Nach dieser Rede Henochs begab sich sogleich alles in den Thronsaal, und dem Brudal ward es gesagt, daß er nun die Speisen in den Thronsaal auch für die hohen Gäste schaffen solle und alldort für sie einen bequemen Tisch bestellen.
   02] Solches geschah auch alsbald. Als aber die Hauptgäste in den Thronsaal gelangten, da entstand auf einmal ein großer Jubelruf, und der Lamech erstaunte freudigst über die Menge der Gäste und noch mehr aber über die große und reichhaltigste Auswahl von den allerköstlichsten Früchten.
   03] Er berief darum auch alsbald den Brudal zu sich und fragte ihn, zu ihm sagend: »Aber höre du, mein lieber Bruder! Was ist denn das? Wo hast du denn diese von mir noch nie gesehenen Früchte hergenommen? Hast du denn auch etwa Wunder gewirkt? Wie ist solches denn vor sich gegangen?«
   04] Und der Brudal sagte darauf zum Lamech selbst ganz erstaunt über diese außerordentliche Erscheinung: ,; O hochgestellter Führer des Volkes! Darüber fragst du mich vergeblich; denn solches entdecke ich selbst nun erst!
   05] Ich meine aber, die hohen, mächtigen Gäste aus der Höhe werden dir selbst sicher den allertriftigsten Bescheid zu geben imstande sein; also magst du dich wohl an sie mit deiner würdigsten Frage wenden!«
   06] Als der Lamech solches vom Brudal vernommen hatte, da wandte er sich auch alsogleich an den Henoch und richtete folgende Worte an ihn, sagend nämlich: »Höre, mächtiger Freund des Herrn! Du siehst hier sicher dasselbe, was mich vor lauter Staunen beinahe vergehen macht; sage mir doch, worin da wohl der Grund liegen möchte! Denn es ist wohl wahr daß da dem Herrn alle Dinge möglich sind und euch auch Großes durch Ihn, - aber aus meinen schlechten Früchten diese edlen zu machen, siehe, das ist mir unbegreiflich!
   07] Dem Herrn wird es wohl ein leichtes sein, die wunderedelsten Früchte zu erschaffen auf dem Wege Seiner ewigen Ordnung; aber ist das nicht etwa wider Seine heilige Ordnung, aus Schlechtem Edelstes und Allerbestes zu machen?! Kurz und gut diese Sache ist mir zu rund und daher - auch zu unbegreiflich; daher gib mir Bescheid darüber!«
   08] Und der Henoch lächelte den Lamech an und sagte dann zu ihm: »O lieber Bruder, du eiferst in deiner Frage nach einer Schafwollocke; aber das Wichtige bei dieser Sache scheint dir gar nicht aufzufallen!
   09] Du fragst mich nun in deinem Gemüte und sagst in dir: ,Was ist denn dieses Wichtige, und wo ist es?'
   10] Sagtest du doch soeben, als scheine es dir, der Herr vermöchte zu- folge Seiner ewigen, heiligen Ordnung nicht aus Schlechtem Edles und Gutes zu gestalten!
   11] Hast du denn nicht gehört, daß der Herr bei der Erschaffung Selbst alle die geschaffenen Dinge gut hieß?! Wo sollen demnach die schlechten sein?!
   12] Ich sage dir aber: Nichts in der Welt ist schlecht als allein der Mensch wenn er sich in seinem Herzen abwendet vom Herrn; ist aber der Mensch alsogestaltig arg und schlecht, dann ist für ihn auch die ganze Welt schlecht und arg.
   13] Bist du rein in deinem Herzen so wird für dich alles rein sein, das heißt, du wirst da alles in der Wahrheit erschauen; ist dein Herz aber unlauter, so wird auch alles also sein vor dir, wie da ist dein Herz.
   14] Wie warst du ehedem als König. - Du warst schlecht, arg, voll Hinterlist und Trug; also war auch dein armes Volk zumeist gegen dich, und du mochtest selbst in dem Redlichsten nichts als nur einen tückevollsten Schurken erschauen und ließest ihn darum ins Gefängnis werfen.
   15] Siehe, der Herr aber hat Sich deiner erbarmt, errettete dich vom Untergange, und siehe, du ersiehst nun keinen Schurken mehr, und die du in die Gefängnisse hast werfen lassen, sind nun freundlichste Gäste in deinem Thronsaale, und sind lauter Brüder und Schwestern!
   16] Nun siehe ferner: Wenn aber der Herr dich bessern und reinigen konnte, der du wahrhaft arg und schlecht warst, so wird es Ihm etwa wohl auch gar leicht möglich sein, die Früchte dieses Bodens zu veredeln?!
   17] Diese Früchte aber zeigen dir an die Tatfrüchte deines Herzens und somit auch lebendig das Wohlgefallen des Herrn an ihnen; und somit hast du hier vor Augen, was ich dir zuvor im andern Saale vorhergesagt habe, nämlich das Wohlgefallen des Herrn.
   18] Siehe, das steckt hinter dieser Erscheinung; und so laß uns denn nun auch an den für uns bereiteten Tisch gehen und uns stärken im Namen des Herrn. Amen.«


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