Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 241. Kapitel: Henochs Rede über die Nutzlosigkeit eines erzwungenen Glaubens und einer durch die sichtbare Gegenwart Gottes genötigten Liebe zu Gott. Das Wesen der Demut.

   01] Als sich alle von ihrer großen Wehmut etwas erholt hatten, da erhob sich alsbald der Henoch, trat zum Lamech hin und sagte folgende Worte:
   02] »Höre du, Bruder Lamech, und höret es ihr alle! Ihr alle habet den Herrn, den heiligen, liebevollsten Vater, nun mit euren Augen wirkend gesehen und habet alle gehört Seine göttliche, allmächtige, heilige Vaterstimme, und ein jeder hat es sich selbst bekennen müssen und sagen im eigenen Herzen: ,Wahrlich, also mag kein Mensch sprechen!'
   03] Und also habet ihr auch gesehen Taten von Ihm, die kein Mensch aus sich je tun kann, außer es tut sie nur der Herr, den ihr nun gesehen und gehört habet, durch ihn.
   04] Ihr glaubet nun freilich wohl ungezweifelt; daß es der Herr ist; aber sehet, weder dieser euer Glaube, noch diese eure Liebe zu Ihm ist euch zu etwas nütze, weil ihr genötigt waret, an den Sichtbaren zu glauben und den Tastbaren zu lieben, indem ihr unmöglich umhin konntet, solches zu unterlassen, da euch alle Seine allmächtige Gegenwart getrieben und euch alle unwiderstehlich gezogen hat zu Ihm hin.
   05] Da euch aber solches zu nichts nütze ist, so fragt es sich, was sollet ihr denn nun tun, damit euch der Glaube an Ihn und die Liebe zu Ihm nütze sein möchten!
   06] Sehet, liebe Brüder, das ist nun eine gar wichtige Frage, und diese Frage muß ich euch allen beantworten!
   07] Ihr fraget nun zwar in euren Herzen und saget: ,Ja, warum soll denn uns solches alles zu nichts nütze sein? Hat es uns nicht schon unendlich genützt und wird uns ewig nützen?!'
   08] Ihr habet recht, meine lieben Brüder, daß ihr also fraget; ich sage euch aber: Hier ist von solch einem Nutzen gar keine Rede. Denn alles, was der Herr tut, ist zu unserem Nutzen, wenn wir dasselbe recht verwenden; verwenden wir es aber verkehrt, sodann kann es uns aber auch zum allergrößten Schaden sein.
   09] Daß uns der Herr erschaffen hat und hat uns gegeben ein freies, selbständiges Dasein und dazu noch, für uns erschaffen, eine herrliche Erde, die uns trägt und uns mit allem Möglichen versorgt, - wer wird da sagen, solches sei uns zu nichts nütze?!
   10] Aber - wann ist uns alles solches zum Nutzen? - Nur dann, wenn wir alles dieses nach dem göttlichen Liebewillen gebrauchen!
   11] Gebrauchen wir es aber nicht also, dann gereicht es uns alsbald zum Gerichte, welches schon ist des Geistes erster Tod, und befördert uns dann aus diesem Tode, der da nämlich ist das Gericht, zum wirklichen und ewigen.
   12] Nun sehet, gerade also, wie euch der Herr einst alle erschaffen hat zu einem freien, selbständigen Wirken mittels der euch verliehenen lebendigen Kraft aus Ihm, hat Er euch auch jetzt gläubig und liebend gestaltet neu aus Sich!
   13] Dieser Glaube und diese Liebe ist nun noch nicht im geringsten euer Eigentum und gereicht euch somit auch nicht zum Leben, sondern es ist für alle nur ein Gericht, indem ihr nun genötigt seid, also zu glauben und zu lieben.
   14] Was sollet ihr aber denn nun tun, um euch aus dieser Klemme des Gerichtes zu ziehen?
   15] Seht, dazu haben wir alle nur ein einziges Mittel, und dieses heißt die wahre, große Demut des Herzens! Worin besteht aber diese?
   16] Diese besteht darinnen, daß ihr euch dieser Gnade für höchst unwürdig haltet, die euch allem nun zuteil geworden ist, und euch haltet für die Geringsten im Volke, und lehrt das Volk alleremsigst Gott als den Herrn und alleinig wahren Vater erkennen; und ferner, daß ihr, so ihr den ganzen Tag im Namen des Herrn gearbeitet habt, dann am Ende des Tages saget in eurem Herzen, voll der lebendigen Liebe zu Ihm:
   17] »O Herr und Vater, siehe gnädig auf uns faule und träge Knechte herab, und siehe unsere Arbeit also an, als wäre sie etwas vor Dir! Denn wir sehen es ein und bekennen es lebendig vor Dir, daß all das Gute, das da ist an unserer Arbeit, eine Tat ist von Dir; wir aber waren Dir nur hinderlich an Deiner Arbeit durch unsere ungeschickten Hände. Nimm daher unseren Willen anstatt des Werkes an, und allzeit geschehe nur Dein heiliger Wille!
   18] Sehet, bei solcher Verfassung eures Gemütes erst wird euch dieser Glaube und diese Liebe zum Nutzen werden!
   19] Solches also gelobt nun dem Herrn in eurem Herzen, so werdet ihr wahrhaft lebendigen Geistes werden, und eure Kinder und Kindeskinder werden euren Segen mit euch teilen ewig im Herrn! Amen.«


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