Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 222. Kapitel: Thubalkains übertriebene Ehrenbezeigung an Henoch. Henochs Rede über die wahre Ehrung und über Verwandetenehe. Die weihevolle Nacht auf dem gereinigten Berg.

   01] Nach dieser kurzen Bemerkung Henochs verneigten sich die beiden tiefst und gingen dann zu ihrem Geschäfte.
   02] Der Thubalkain aber stürzte hin zum Henoch und bat ihn um Vergebung, darum er solches nicht schon eber bemerkt habe, daß ein unaussprechlich hoher Gast sich unter ihnen befinde und er ihn nicht alsogleich die allerhöchste Ehrfurcht bezeigt hätte.
   03] Der Henoch aber hob den Thubalkain alsogleich vom Boden auf und sagte zu ihm: »Bruder, armer Bruder! Was tust du vor mir, deinem Bruder?
   04] Siehe, solches hat uns allen sogar der Herr, unser Gott und Vater, trotz Seiner unendlichen, unantastbaren Heiligkeit verwiesen, indem Er uns haarklein bewiesen hat, daß es für den Menschen bei weitem leichter ist, vor Ihm die Knie zu beugen denn das Herz!
   05] Solches aber gereiche dem Menschen durchaus nicht zum Leben, sondern allein die Beugung des Herzens!
   06] Hat daher jemand ein unbeugsames Herz und mag selbes nicht demütigen und läutern vor Gott, da mag er sich sein Leben lang im Staube herumwälzen, und es wird ihm solches alles nichts nützen.
   07] Wer aber sein Herz beugt, und läutert es, und erfüllt es mit Liebe, der bedarf da nicht mehr, seinen Leib in den Staub zu senken; denn sein Geist weiß es in aller Demut und vollster Liebe zu Gott, dem heiligen Vater, daß der Leib dem Staube der Erde angehört und wieder dahin kehren wird, woher er genommen ward.
   08] So du aber ein Haus bewohnen möchtest, und es käme vor dein Haus ein vornehmer, hoher Gast, - wirst du da wohl aus lauter Ehrfurcht das ganze Haus vor dem hohen Gaste niederreißen und es in den Staub legen und dann erst wieder aufbauen, um den Gast in dein Haus aufzunehmen?
   09] Ich meine aber, solches würde wohl überaus lächerlich töricht sein; denn fürs erste verlangt solches der hohe Gast nicht, und fürs zweite wird er nur darauf sehen, wie ihm du als Bewohner des Hauses engegenkommen wirst, - nicht aber, wie sich dein totes, an und für sich unbewegliches Haus gegen ihn benehmen wird!
   10] Also ist auch unser Leib nur ein Wohnhaus des Geistes, nicht aber etwa mit dem Geiste eines und dasselbe, und der heilige, liebevollste Vater sieht dann nur, was da tut der Geist
   11] Das ist die Liebe und ihr freier Wille -, nicht aber auf den Leib, was dieser täte, der doch nichts tun kann, als nur stumm verrichten sein natürliches, gerichtetes Bedürfnis.
   12] Daher sei du, Thubalkain, mein lieber Bruder im Geiste!
   13] Beuge allein vor Gott dein Herz, liebe Ihn über alles, mich, deinen Bruder, aber also wie dich selbst, so hast du alles getan, was da ist ehrlich und billig vor Gott und aller Welt!
   14] Du hast dir auch ein Weib genommen, - das ist recht und billig; da du aber deine eigene Schwester beschliefst, solches war ein Greuel vor Gott. Es durften solches wohl die ersten Kinder Adams tun zur Zeit, da Gott das Blut noch nicht geschieden hatte und sonach in allen ein Blut und ein Fleisch war.
   15] Da sich aber mit der Zeit die; Menschen sehr vermehrten, da schied Gott das Blut untereinander, damit es nicht gar bald versäure und aussterbe.
   16] Aus dem Grunde sind dann bestimmt worden stets mehr und mehr die Stufen der Blutsverwandtschaft, und darf dieser Bestimmung zufolge ohne besondere Einwilligung Gottes niemand im ersten Gliede ein Weib sich nehmen, sondern erst im zweiten, dritten und so fort; ein je ferneres Glied jemand wählt, desto billiger tut er demnach.
   17] Du aber hast dir nun ein Weib aus einem gar fernen Gliede genommen; also hast du auch daran wohl und recht und billig getan, und so magst du selbes herführen, damit auch ich dich segne!«
   18] Hier rief der Thubalkain sogleich sein Weib herbei und stellte es ehrerbietigst dem Henoch vor.
   19] Henoch aber legte alsbald beiden die Hände auf und segnete sie im Namen des Herrn.
   20] Nach solcher Handlung aber berief der Henoch den Lamech und die sieben zu sich und sagte zu ihnen:
   21] »Brüder Höret, also lautet der Wille des Vaters: ,Am Abende aber, so ihr euch gestärkt habt mit mehreren Brüdern aus der Tiefe, segnet sie in Meinem Namen, und lasset sie dann zur nötigen Ruhe gehen!
   22] Ihr aber samt dem Lamech begebet euch auf den Berg, den der Kisehel in Meinem Namen gereinigt hat, und wachet da bis an den Morgen!
   23] Wenn ihr aber merken werdet das erste Grauen des Morgens, da versammelt euch tief; denn um diese Zeit werde Ich zuerst fühlbar und dann auch hör- und endlich sichtbar unter euch sein!'
   24] Also tun wir solches alles, auf daß wir solcher Gnade teilhaftig werden! Amen.«
   25] Und alsbald traten (standen) die Brüder samt dem Lamech auf, segneten alle die zahlreich Anwesenden und beschieden sie dann zur Ruhe.
   26] Als sich darauf alles entfernt hatte unter lauter Lobpreisung des göttlichen Namens, da auch verließen gar bald der Henoch und alle die andern sieben samt dem Lamech das Haus und begaben sich eiligen Schrittes auf den Scheitel des etwa bei dreihundert Klafter (fünfhundert Meter) hohen Berges.
   27] Als sie nun auf der Höhe angelangt waren, da brachten alle einstimmigen Herzens dem Vater eine Dank- und Lobpreisung dar; nach dem aber unterhielten sie sich mit allerlei großen Betrachtungen über die Führungen Gottes und über die Herrlichkeit der großen Werke, wobei der Lamech stets ganz Herz und Ohr war und sich vor lauter Seligkeit nicht zu helfen wußte.
   28] Als aber der Henoch die Nähe des Morgens merkte, da sagte er zu den Brüdern:
   29] »Jetzt verstumme unsere Zunge! Ein jeder versammle sich tiefst in seinem Herzen und bereite sich vor zum heiligen Empfange des Herrn, unseres Gottes, unseres allerheiligsten Vaters; denn Er ist schon auf dem Wege zu uns!«
   30] Darauf ward alles stille, und der Vater kam in aller Stille zu den Seiner Harrenden.


Home  |    Inhaltsverzeichnis  |   Werke Lorbers