Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 214. Kapitel: Die schöne Aussicht vom Schlangenberg. Die geistige Entsprechung der Reinigung des Schlangenberges.

   01] Als der Lamech mit dem Kisehel sich nun völlig auf der Höhe befand, da fing er an zu weinen; denn der herrliche Anblick der weitgedehnten Landschaft, die über die niedereren Vorberge emporgetauchten Hochgebirge mit ihren weißen Zinnen, ein bedeutender Teil der Morgengegend der Kinder der Höhe, gegen Mittag in weiter Ferne ein Teil eines großen Sees, an dessen Ufer die Stadt Uvrak erbaut war, und endlich noch der Anblick der anderen neun Städte und der von ganz Hanoch, wie der des neuen Tempels, der bis auf einen kleinen Teil der Ringmauer schon ganz vollendet war, war zu viel auf einmal für unsern armen Lamech, der noch nie seinen Fuß auf einen Berg hatte setzen können.
   02] Als er sich gewissermaßen satt gesehen hatte, das heißt für den ersten Augensturm, und wieder zu Atem kam, da erst machte er seinem von Wonnegefühl überfüllten Herzen etwas Luft und entledigte sich durch Worte eines Teiles seiner wonnigsten Herzensbürde, indem er gegen den Kisehel ausrief:
   03] »O Freund, o Bruder! Welch eine Herrlichkeit voll der seligsten Wonne thront hier auf dieser Höhe! - Oh, dahier ist wohl gut sein! Hier, hier möchte ich ewig wohnen!
   04] O ihr armen Städte in der Tiefe unter mir nun, du mein armseligster Palast! Was seid ihr nun gegen diesen großen, endlos herrlichen Bau des allmächtigen Schöpfers?!
   05] Nichts, nichts als armseligste Ameisenhaufen voll stechender und beißender Brut!
   06] O Freund, o Bruder! Kann es in den Himmeln Gottes wohl noch herrlicher aussehen als hier? - Nein, nein, es ist unmöglich!
   07] Da sieh nur einmal hin, dort zwischen Morgen und Mittag die weißen fünf Spitzen! Es sieht ja also aus, als wenn die Erde, oder wenigstens ein mächtiger, sie schützender Geist, eine Hand gegen den Himmel ausstrecken möchte und geloben dem Herrn die ewige Treue!
   08] O Du großer, allmächtiger Gott, wie herrlich doch sind Deine Werke! Welche Lust hat der daran, der ihrer in seinem Herzen achtet!
   09] Und da sieh einmal gegen Abend hin! Welch ein Getümmel von hellen Flammen dort um die hohen Scheitel der dampfenden Berge spielt!
   10] Und dort auch gegen Morgen erheben sich himmelanragende Spitzen der Berge, jede gekrönt mit einer leuchtenden Flammensäule und umzuckt von tausend Blitzen.
   11] Welch ein unaussprechlich großartigstes Handeln, Treiben und Wirken erschaut mein Auge nun allenthalben, dahin es sich nur immer wenden mag!
   12] Ach, Freund und Bruder, nun sieh einmal da hinauf zu den heiligen Höhen, die da von hier aus gegen die Mitternacht gestellt sind! Was ist wohl dort in schwindelnder Höhe, das da also stark glänzt, als ginge dort eine zweite Sonne auf?«
   13] Hier erst konnte der Kisehel zum Worte kommen und erwiderte auf diese Frage dem Lamech folgendes:
   14] »Lieber Bruder Lamech, siehe, das ist eben diejenige berühmte Grotte die ich dir schon erwähnt hatte; in gar kurzer Zeit sollst du sie näher kennenlernen!
   15] Siehe aber nun, lieber Bruder Lamech, auf dieselbe Weise, wie wir aber nun diesen Berg uns dienstbar gemacht und denselben erstiegen haben, kann und soll ein jeder Mensch sich selbst reinigen, so wird er auch in sich danach mit der leichtesten Mühe von der Welt den lichten höchsten Standpunkt seines Lebens erreichen!
   16] Was taten wir aber zur Reinigung und Schlangenräumung dieses Berges, der uns nun also herrlich auf seiner Höhe erquickt?
   17] Siehe, mit einem schwachen Haselstabe trieben wir zuerst die großen alten Bestien hinaus ins Feuer der Vernichtung!
   18] Der Stab ist aber unser Glaube und unser volles Vertrauen auf die Gnade und Erbarmung des Herrn; sieben Male schlugen wir mit dem Stabe an den Berg, und das alte und grobe Geschmeiß wurde flott und mußte abziehen.
   19] Diese sieben Schläge bezeichnen das Volltrauen auf die Gnade und Erbarmung des Herrn durch den festen unerschütterlichen Glauben an Ihn.
   20] Aber nun war der Berg noch nicht völlig gereinigt; denn er enthielt noch eine zahllose Nachkommenschaft der argen Brut. Abermals schlugen wir sieben Male an den Berg, und du sahst da eine unzählige Menge des jungen Geschmeißes dem Berge entkriechen. Was besagt dieses?
   21] Siehe, wenn der Mensch sich losgemacht hat von seinen groben Sünden, die da in seiner Materie hausten, da muß er dann alsbald über seine Seele gehen und in ihr erforschen alle die Neigungen und Begierden! Hat er sie durch seinen großen Ernst erkannt, so muß er abermals mit seinem Glauben und Vertrauen an den Berg seines Lebens schlagen, sich dem Herrn ganz übergeben, und alle die arge Neigungen- und Begierdenbrut wird die Seele verlassen müssen!
   22] Aber nun gibt es noch eine Unzahl Eier der Brut im Berge des Lebens. Das sind noch allerlei weltliche und eigenliebige Gedanken.
   23] Wie aber aus den Eiern die junge Brut ausgeheckt wird und diese dann gar bald heranwächst zum groben, schädlichen Geschmeiße, also werden aus den Gedanken auch leichtlich wieder Neigungen und Begierden ausgeboren, und aus diesen dann gar bald wirkliche Taten.
   24] Wie aber werden dann diese Sündeneier vertilgt im Berge des Lebens? - Durch die Erweckung des inneren Feuers, welches ist die Liebe zum Herrn, durch den Glauben und durch das lebendige Vertrauen zu Ihm!
   25] Ist solches geschehen, dann ist der Berg schon auch so gut wie erstiegen. Also stellt dieser Berg nun dich selbst dar, und du kannst dir nun eine Wohnung hier erbauen lassen und in ihr nachdenken über Gott und über Seine Gnade und große Erbarmung.
   26] Da wir aber nun solches wissen, so haben wir auch den Zweck dieser Besteigung vorbildlich erreicht und können uns im Namen des Herrn wieder hinab in die Stadt begeben, allda schon gar viele unser harren. Gott allein die Ehre ewig! Amen.«


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