Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 211. Kapitel: Muras Begierde nach Wahrheit. Lamechs Rat zur Geduld. Die Aussteckung des Tempelbauplatzes.

   01] Der Mura aber traute kaum seinen Augen und seinen Ohren; als er sich aber nach der Beheißung Kisehels wieder völlig aufgerichtet hatte, da sagte er zum Lamech:
   02] »Mein weiser König und Herr, gestatte mir, deinem Knechte, zu reden nur wenige Worte; denn in dieser Sache muß mir Licht werden, oder ich will eher sterben und gar übel umkommen, als verbleiben in dieser Finsternis, in der ich nicht erschauen kann die Möglichkeit und die Art der Begebenheit, die an mir ist so wunderbar geoffenbart worden!
   03] So dir, o König und Herr, etwas davon bekannt sein sollte, da künde es mir!
   04] Denn sonst werde ich nicht wohl bestehen in der Führung des Baues, so mein Geist in dieser Finsternis sein Licht vergeblich suchen wird!«
   05] Und der Lamech erwiderte dem Mura: »Höre, Freund und Bruder, lobenswert ist dein Eifer! Solches kann ich dir wohl sagen; aber dir die Wege Gottes enthüllen, - siehe, da hast du dich an einen untüchtigen Mann gewendet, denn solches ist mir so gut ein Rätsel, als es dir ist!
   06] Ich aber will mich fügen in des Herrn Willen! Ist es recht und lebendig gut für mich, so werde ich es zur rechten Zeit erfahren; ist es aber nicht also, da soll es mich auch gar nicht weiter anfechten.
   07] Solches weiß ich aber nun genau, daß alles, was da geschieht, nach dem Willen des Herrn geschieht; und siehe, das ist einstweilen ja auch genug!
   08] Mir und dir hat der Herr Seinen Willen wunderbar kundgegeben; so denn erfüllen wir denselben zuerst, und dann wird der Herr mit uns schon weiter verfügen, was da ist Sein allerheiligster Wille!
   09] Siehe, was wir ansehen, ist nichts als pur Wunder! Die Sonne am Himmel, der Mond und all die Sterne und unsere Erde sind voll der unbegreiflichsten Wunder! Wer begreift sie in ihrer Art?
   10] Möchtest du wohl deshalb sterben, da du solches nicht begreifst?!
   11] Siehe, solches ist demnach eitel von dir! Daher laß es, und füge dich nach dem Willen Gottes; alles andere wird schon hinzukommen, so es dem Herrn wird angenehm sein!
   12] Sollte es Ihm aber nicht angenehm sein, da ist es ja bei weitem besser für uns, daß wir solches nicht erfahren, als daß wir es erfahren sollen gegen den Willen des Herrn!
   13] Und so denn begeben wir uns lieber auf den Bauplatz, stecken da nach dem Plane alles richtig aus und verteilen sodann die Arbeit an die Arbeiter! - Bist du damit nicht einverstanden?«
   14] Und der Mura sagte darauf, ganz zerknirscht von dieser Rede Lamechs:
   15] »O König und Herr! Gott, der Allmächtige, verleihe dir ein langes Leben; denn jetzt erkenne ich erst vollends, daß du die wahre Weisheit von Gott überkommen hast, - denn du hast zur völligen Ruhe gebracht meine Begierden.
   16] Darum aber will ich dir auch sein allzeit mein ganzes Leben hindurch ein dienstwilligster Knecht! Gott sei alle Ehre und alles Lob dafür ewig! Amen.«
   17] Darauf berief er zu sich seine Unterbauleute und hieß sie ihm und dem lichten Könige folgen auf den Bauplatz, welchen ihnen der König anzeigen werde.
   18] Und alsbald traten bei dreißig an der Zahl aus der Menge. Es kam aber nun der Lamech in eine kleine Verlegenheit.
   19] Denn der für den Tempelbau bestimmte Platz war nun mit lauter Erz Gruben, Arbeitern und Hämmern und Schmelzfeuern angefüllt, und so wußte der Lamech nicht, was er da tun sollte.
   20] Aus dem Grunde wandte er sich denn wieder an den Kisehel und fragte ihn, was da nun zu machen sein werde.
   21] Der Kisehel aber sagte darauf zum Lamech: »Höre du, mein lieber Bruder Lamech, an der Stelle der Erde ist gar wenig gelegen, wo der Tempel stehen soll, sondern an deinem Herzen! Hast du in dieser deiner lebendigen Erde dem allerheiligsten Namen, den du verscharrt hast ehedem in den Unrat derselben, einen gerechten Tempel auf der rechten Stelle erbaut, so hast du das rechte Maß schon gelegt.
   22] Was dann aber betrifft diesen Außenbau, da miß du ihn auf der bequemsten Stelle, und dem Herrn wird es recht sein!
   23] Daß ich aber zu dir gerechnet habe also redend, als sollest du auf eben der Erdstelle den Tempel erbauen, auf welcher da ausgegraben wurde die Tafel, siehe, da ward nur gemeint dein Herz; im selben aber hast du den Bau schon aufgeführt, und so ist es recht!
   24] Also magst du nun auf der Erde messen, wo du willst, und es wird auch recht sein, so nur dein inneres Maß richtig ist!«
   25] Hier dankte der Lamech dem Kisehel für ein solches Licht und begab sich mit dem überaus erstaunten Mura hinaus auf einen schönsten, freiesten Platz und steckte da mit dem Mura meisterlich den Plan aus.


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