Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 201. Kapitel: Kisehels Rede über die Brüderlichkeit und Gleichachtung unter den Menschen. Vom wahren Königtum.

   01] Der Kisehel aber bog sich alsbald zur Erde nieder, hob den Lamech und den Thubalkain vom Boden und sprach dann zu ihnen: »Brüder, warum fallt ihr vor uns nieder? Sind wir denn mehr als ihr? Oder sind wir nicht Brüder gegenseitig?
   02] O sehet, solches sollen wir nicht mehr tun in alle Zukunft; denn nur Gott allein gebührt aller Dank, alle Ehre, alle unsere Demut und alle unsere Liebe!
   03] Wollen wir aber wahrhaftige Kinder eines und desselben Vaters sein, da müssen wir uns gegenseitig gleichachten, keine Beugungen verlangen von unseren Brüdern, sondern alles, was wir uns gegenseitig erweisen mögen, bestehe lediglich darinnen, daß wir uns aus der Liebe zu Gott als wahrhaftige Brüder lieben!
   04] Was darüber ist und was darunter, das ist gleicherweise nicht in der Ordnung Gottes und somit eine Sünde!
   05] Solches aber möget ihr ja daraus ersehen, so da wäre ein Mensch, dem alle anderen Menschen, obschon er nicht um ein Haar mehr ist denn sie, eine tiefe Achtung bezeigten.
   06] Was wird da bei dem geachteten Menschen wohl gar bald die Folge sein von solcher allgemeinen Hochachtung gegen ihn?
   07] Sehet, er wird sich alsbald für mehr und besser zu halten anfangen, als da sind diejenigen, die ihm solche Achtung zollen, wird darum hochmütig, gar bald übermütig und endlich sogar herrschsüchtig werden! Er wird mit der Achtung seiner bedeutenden Umgebung nicht mehr zufrieden sein, sondern wird mit dieser ihm töricht ergebenen Menge in andere Gebiete dringen und wird allda die vorgefundenen Menschen durch seine ihm ergebenen Narren gewaltsam zwingen, vor ihm sich zu beugen, und wird mißhandeln und gar töten diejenigen, die sich da vor ihm nicht werden beugen wollen.
   08] Ja, ein solcher wird es so weit treiben, daß ihm die ergebenen und ihn hochachtenden Brüder sogar werden müssen von allem, was sie mit ihren Händen gewinnen werden, einen bedeutenden Teil als Steuer ihrer törichten Hochachtung zollen!
   09] Also werden Könige und weltliche Machthaber in aller Grausamkeit entstehen und werden zu Tode erdrücken ihre Brüder, die da töricht genug waren, sie anfänglich etwa irgendeines hervorragenden Talentes wegen höher zu halten, als es in der göttlichen Ordnung gewesen wäre.
   10] Also sollen wir Gott geben, was Sein ist, und dem Brudermenschen, was ihm gebührt!
   11] Ehre, Hochachtung, Demut, Lob, Preis, Dank, Liebe und Anbetung gebührt von uns aus nur Gott allein; wir gegenseitig aber sind lauter Brüder und sollen uns darum gegenseitig nicht mehr und nicht weniger lieben, als ein jeder sich selbst liebt. Denn darinnen liegt der alles ordnende und alles ausgleichende Waagebalken, daß wir uns gegenseitig gerade also verhalten und begegnen, wie sich ein jeder zu sich verhält und sich selbst begegnet.
   12] Wo immer von dieser geraden Linie abgewichen wird, da auch wird die göttliche ewige Ordnung gebogen und gar leichtlich gebrochen, indem der Mensch dem Menschen bieten wird, was er nur Gott allein schuldig ist.
   13] Wo aber solches geschehen wird, da auch wird der Same gelegt werden, aus dem alles Unheil über die ganze Erde erwachsen wird.
   14] Denn wahrlich, sage ich euch, keine Sünde, wie diese, wird schon auf der Erde also blutig, wie es unter eurer Herrschaft schon gar oft der Fall war, gezüchtigt werden!
   15] Daher, liebe Brüder, wollen wir auch ein ganz anderes Königtum einführen! In diesem Königtume wird der König sein ein Leiter und Lehrer der Brüder, aber durchaus kein Herr und Gebieter.
   16] Ein solcher König wird sein nach der Ordnung Gottes und wird keiner weltlichen Macht bedürfen, sondern die Macht und Kraft der göttlichen Liebe, Weisheit und Ordnung wird in seinem Geiste wohnen, und aus dem Geiste heraus wird er leicht und hinreichend mächtig seine Brüder zu allem Guten und Wahren zu leiten imstande sein.
   17] Solches also beachtet wohl, und fallt daher nicht vor uns, wie auch vor niemand anderem eures- und unseresgleichen nieder, so werdet ihr ein Segen dem Volke sein; lasset aber auch niemanden vor euch sich beugen, so werdet ihr die Völker segnen!
   18] Und nun begeben wir uns in den Speisesaal; denn das Mahl ist schon völlig bereitet.
   19] Denket aber nicht an die Versuchung, sondern seid heiteren Mutes; denn der Sieger soll sich des Sieges freuen, aber nicht traurig sein über denselben!
   20] Und so denn lasset uns gehen! Amen.«


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